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Preisverleihung 2013 - Rede des Vorsitzenden OStD i.R. Dr. Martin Stupperich

Preisverleihung der Henning-v.-Burgsdorff-Stiftung

Preisträger des Jahrespreises  2013 der Henning von Burgsdorff Stiftung waren Dorothee Rohde und Birgit Schoedel (Liebfrauenschule Oldenburg) sowie Hans-Joachim Sach (Campe-Gymnasium Holzminden).

Der Vorsitzende der Burgsdorff Stiftung würdigte die Preisträger 2013 wie folgt:

 

 

Dorothee Rohde und Birgit Schoedel (Liebfrauenschule Oldenburg) 

 

Liebe Frau Rohde,

Liebe Frau Schoedel,

 

Sie haben sich mit dem Vorhaben einer musikalisch-literarischen DDR-Revue unter dem Titel „Für Frieden und Sozialismus – Immer bereit!“ um den Jahrespreis 2013 der Henning von Burgsdorff Stiftung beworben.  Als Lehrerinnen an der Liebfrauenschule Oldenburg haben Sie bereits eine Tradition unterschiedlicher literarisch-musikalischer Revuen ausgebildet. Diese Revuen sind fächerübergreifend zwischen Deutsch, Musik und Geschichte angelegt. Diesmal sollte es um die Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR gehen. So betitelten Sie auch die AG im Jahrgang 12, die Sie eigens dafür gründeten. Das Besondere war: Diese AG fand außerhalb der Unterrichtszeit an Dienstagabenden von 19.30 bis 22.00 Uhr, außerdem in der Woche vor Weihnachten und in den Zeugnisferien zwischen dem ersten und zweiten Halbjahr statt. Es ging in diesem Projekt darum, sich der Geschichte der DDR auf einem ganz neuen Weg zu nähern, nämlich über literarische Texte, Lieder, Reden und Dokumente, Filme und Zeitungsmeldungen.

Das Bemerkenswerte ist, dass zunächst eine breite sachliche Basis gelegt wurde. Sie haben versucht, dem Alltag der Menschen auf die Spur zu kommen durch Befragen von Menschen, die ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht haben, durch eine gemeinsame Berlinfahrt und ausführliche Materialsichtung. Im zweiten Schritt wurde wiederum selbstständig eine Struktur erarbeitet, indem die Schülerinnen und Schüler Leitfragen, aber auch kritische Fragen beantworteten, z. B. wie die Revue aufgebaut sein könne, ob es einen Handlungsrahmen geben solle, welche Formen der Darbietung die besten seien, aber auch wie man Klischees vorbeugen könne. Schließlich wurden alle Ideen zu einem geschlossenen Konzept verarbeitet, das als DDR-Revue an drei Abenden in der Schule vorgeführt wurde.

 Für die Schüler selbst war das Thema DDR weit entfernt trotz der Unterrichtseinheit zur DDR-Geschichte im 10. Jahrgang. Sie zitieren selbst Elke Heidenreich mit dem Ausspruch „ein Land, fremder als der Mond“. Somit kann man bei Ihrem Projekt von der Auseinandersetzung mit Alteritätserfahrung sprechen. Um eine Brücke zu finden, wählen Sie als Perspektive das Alltagsleben der Menschen, um festzustellen, dass in der DDR auch auf dieser untersten Ebene des gesellschaftlichen Lebens bereits alles sehr anders ist. Auch wenn Sie sagen, dass Ihre Sichtweise eine gesamtdeutsche und somit letztlich westdeutsche ist, bleiben Sie am Ende nicht ohne Kritik an den Begleiterscheinungen und Folgen der Wiedervereinigung.

Gerade die Befassung mit Fremdem hat einen Herausforderungscharakter, der maßgeblich zur Ausbildung von historischem Bewusstsein führt. Dem diente auch die Praxis der Einübung der Revue mit ihren zahlreichen Wiederholungen beim Singen und Sprechen. Eine wichtige Rahmenbedingung dafür war mit Sicherheit auch Ihr Bemühen, sich in den Erarbeitungsprozess möglichst wenig einzumischen, sondern die Schülerinnen und Schüler machen zu lassen.

Dies ist bei einem so hoch komplexen Vorhaben ein Wagnis, zu dem man sich als Lehrerin oder Lehrer durchringen muss. Um so wichtiger und erfreulicher ist es, wenn am Ende gesagt werden kann: Es hat sich gelohnt. Um dies zu unterstreichen, hat sich das Kuratorium der Burgsdorff Stiftung entschlossen, Ihnen den Jahrespreis 2013 mit einer Dotation von

500,- zuzuerkennen, den ich Ihnen hiermit in Gestalt einer Urkunde übergebe.

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Hans-Joachim Sach (Campe-Gymnasium Holzminden)

 

Lieber Herr Sach,

Sie haben als Lehrer am Campe-Gymnasium in Holzminden ein Projekt durchgeführt zum Thema „Gibt es einen Zusammenhang zwischen Holzen und Lommel? – Dokumentarfilm zum Thema ‚Opfer – Täter – Beziehungen im Nationalsozialismus’“. Dabei ging es um die zentrale Frage, inwieweit sich die weltpolitischen Vorgänge der frühen Vierzigerjahre in den Verhältnissen der regionalen Zwangsarbeit im Hils spiegeln. Konkrete Zielsetzung war es, einen Dokumentarfilm zu erstellen, der dem Heimat- und Geschichtsverein für Landkreis und Stadt Holzminden e.V. helfen sollte, die Gedenkfeier am 27. Januar 2013, dem Tag, an dem im Jahr 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde, mitzugestalten. Anschließend sollten die Schüler einen Bericht über diese Gedenkfeier in der Lokalzeitung veröffentlichen.

 

Anlass für Ihr Projekt war die Notwendigkeit einen Wandertag und eine Klassenfahrt für Ihre eigene Klasse 10-1 durchzuführen. Sie hatten den Ehrgeiz beides unterrichtsbezogen durchzuführen. Sie veranstalteten die Klassenfahrt nach Lommel zu der dortigen Kriegsgräberstätte für deutsche Gefallene des Zweiten Weltkriegs und der angeschlossenen Gedenkstätte. Der Wandertag sollte nach Holzen bei Holzminden in die beiden dortigen Zwangsarbeiterlager im Hils führen. Beide Unternehmen sollten filmisch dokumentiert werden. Dabei sollten Opfer- und Tätergruppen aufeinander bezogen werden. Insbesondere sollte dieses Projekt differenzieren und die Unterschiede innerhalb der Opfer- und Tätergruppen hervorheben, z.B. hervorheben, dass es Täter innerhalb der Opfergruppen und umgekehrt gab. Beide Seiten litten in unterschiedlicher Weise unter Menschenrechtsverletzungen.

Der  Film, der mit dieser Zielsetzung entstehen und während der Gedenkfeier gezeigt werden sollte, sollte von den Schülern selbst in der Diskussion mit den älteren Besuchern verteidigt werden. Damit sollten Jugendliche und Erwachsene der mittleren Generation (Eltern) in die Veranstaltung gezogen werden und so ein Beitrag zur Erinnerungs- und Gedächtniskultur im Landkreis Holdminden gestaltet werden.

Der Dokumentarfilm, der im Rahmen Ihrer Arbeit entstanden ist, ist außerordentlich sehenswert und sehr geeignet, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln und sie zum Nachdenken zu bringen. Dabei war es für Sie durchaus nicht einfach, diese Thematik im Vorfeld den Eltern zu vermitteln. Auf dem Hintergrund der verbreiteten Vorstellung, eine Klassenfahrt sei eine Art Urlaub, empfanden viele Eltern ein so ernstes Thema als Zumutung für die Schüler. Sie fürchteten einen Überforderung der Schüler durch die Konfrontation mit einem so hohem Leidpotential. Es gelang Ihnen auf die Ihnen eigene Weise, die Eltern von der Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens auf einem eigens angesetzten Elternabend zu überzeugen. Die Schüler selbst, die zunächst die Grabpflege für überflüssig gehalten hatten, waren nach der Fahrt überzeugt, Friedensarbeit geleistet zu haben, zumal sie gesehen hatten, dass ein großer Teil der Gefallenen in ihrem Alter gewesen war, was ihnen die verheerenden Folgen von Kriegen besonders vor Augen gerückt hatte. Sie verbanden die Fahrt mit einem Besuch des SS-Hauptquartiers „Fort Breendonk“ und hatten die Gelegenheit mit einem jüdischen Überlebenden des KZ Auschwitz zu sprechen. Die Erfahrungen waren für die Schüler tief beeindruckend, was sie im Anschluss künstlerisch durch die Erstellung von Sandteppichen verarbeiteten.

Es kann als ein besonderer Erfolg Ihres Vorhabens gewertet werden, dass am 27. Januar mehr als die Hälfte der vorher so skeptischen Eltern schon zur Kranzniederlegung auf dem Ehrenfriedhof Holzen und noch mehr dann trotz des Sonntags zur Gedenkfeier kamen. Es kann als ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung historischen Bewussteins gewertet werden, dass Schüler in Holzminden jetzt in der Lage sind Gegenden und Firmen in ihrer Stadt wie VW oder Stiebel Eltron mit historischen Gegebenheiten wie der Zwangsarbeit in Verbindung zu bringen, ihre Stadt und ihren Landkreis also mit historisch geschulten Augen zu sehen. Zentrale Erkenntnis insbesondere des Dokumentarfilms ist die Einsicht, dass es bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit keine Gewinner gibt.

 

Das entscheidende Verdienst daran gebührt Ihnen, Herr Sach, selbst und aus diesem Grunde hat sich das Kuratorium der Henning von Burgsdorff Stiftung entschieden, Ihnen den Jahrespreis 2013 mit einer Dotation von

 

500,- € zukommen zu lassen.

 

 

 

   
 Die Preisträger werden vom Vorsitzenden der Stiftung geehrt 
 Die Preisträger werden vom Vorsitzenden der Stiftung geehrt 
   
 Die versammelten Kolleginnen und Kollegen würdigen die Preisträger 
 Die versammelten Kolleginnen und Kollegen würdigen die Preisträger 
   
  
   
 

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