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Preisverleihung 2006 - Ansprache der 1. Vorsitzenden der Stiftung, OStD' Brigitte Netzel

 

 

Rede der Vorsitzenden Frau Brigitte Netzel zur Preisverleihung auf dem Tag des Geschichtslehrers in Hannover am 9. November 2006

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Stupperich, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

ich freue mich, dass wir uns heute zu dieser Tagung getroffen haben, deren Ertrag  Ihnen - so meine ich - in Ihrem täglichen Tun von Nutzen sein wird. Die von mir geleitete H.v. Burgsdorff-Stiftung hat gern ihre finanzielle Unterstützung angeboten.

 

Seit Jahren beklagen wir den unhaltbaren Zustand, dass das Land keine fachliche Fortbildung  organisiert und finanziert. Da ich in meiner Zeit als Landesvorsitzende des niedersächsischen Geschichtslehrerverbands die leidvolle Erfahrung gemacht habe, dass auch der Verband nur schwer ohne finanzielle Mittel diese Lücke schließen kann, freue ich mich, heute meinem Nachfolger das Leben erleichtern zu können.

 

Der Zweck der H.v. Burgsdorff-Siftung ist es, Tagungen, die der Fortbildung von Geschichtslehrern dienen, zu unterstützen, und zwar sowohl zentrale, regionale als auch lokale. Außerdem ist es immer noch nicht genug bekannt, dass auch Fachkollegien an Schulen für eingeladene Referenten Zuschüsse beantragen können. Darin liegt eine Chance, die Sie bitte auch nutzen sollten.

 

Im Interesse der Stiftung möchte ich noch ein wenig Werbung für unser zweites Anliegen machen: Ich verweise auf das in Zusammenarbeit mit dem Klett-Verlag herausgegebene zweibändige Taschenbuch für Schüler ab der Klasse 10 zur weitgehend selbstständigen und anregenden Lektüre. Es hat den Titel: ?Wie wir wurden - was wir sind.?

Der Schwerpunkt liegt auf der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Gerade, wenn Sie sich im Unterricht auf spezielle Themen für das  Zentralabitur konzentrieren müssen, sollten unsere Schülerinnen und Schüler der Oberstufe nicht ohne einen gewissen Überblick zu diesem Thema die Schule verlassen. Das Buch liegt am Stand des Verbandes zur Ansicht aus.

 

Nun aber zum heutigen Anlass.

Die öffentliche Verleihung des jährlichen Preises der H.v.Burgsdorff-Stiftung an Lehrkräfte unseres Faches soll ein Beitrag zu der an den Schulen dringend nötigen Kultur der Anerkennung sein. Trotz der schwierigen Bedingungen wird an Schulen aller Schulformen viel Innovatives und Interessantes in unserem Fach oder fachübergreifend  geleistet. Andere Stiftungen zeichnen dafür die Schülerinnen und Schüler aus, so die Körberstiftung mit dem Preis des Bundespräsidenten oder das Land Niedersachsen mit dem Geschichtsatlas n 21. 

 

Der H.v. Burgsdorff-Stiftung geht es dagegen um die Lehrkräfte und deren öffentliche Würdigung. Ich möchte zu breiter Teilnahme an der Bewerbung anregen. Die Bewerbungsbögen gehen Anfang März jeden Jahres Ihren Schulen zu. Wir wissen, dass es einer zusätzlichen Mühe bedarf, das Erarbeitete zusammenzustellen, den Arbeitsverlauf zu beschreiben und das Ergebnis aus Lehrersicht zu bewerten. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir zu einem Urteil gelangen können.

 

Es liegt nun allerdings in der Natur der Sache, dass in jedem Jahr nur ein oder zwei der eingereichten Arbeiten prämiert werden können. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass unsere Entscheidung auch Enttäuschung nach sich ziehen kann, sollten Sie sich nicht entmutigen lassen, es mit einem neuen Vorhaben ein zweites Mal zu versuchen.

 

Meine Vorstandskollegen Herr Dr. Sinemus und Herr Prof. Dr. Sauer ( Herr Thunich war leider verhindert ) haben sich mit mir zusammen auf eine intensive Diskussion der Beiträge eingelassen. Dafür sei ihnen herzlicher Dank. Wir sind zu folgendem Ergebnis gekommen:

 

Für das Jahr 2006 werden zwei Einsendungen prämiert, und zwar mit einem 2. Preis von 500 Euro und einem 1. Preis mit 1000 Euro. Die Auswahlkriterien sind dabei Relevanz des Themas, methodischer Anspruch, Selbsttätigkeit der Schüler und gute Ergebnispräsentation.

 

Weiterhin möchten wir in diesem Jahr die jahrzehntelange Arbeit von zwei weiteren Kollegen mit jeweils 500,- Euro anerkennend würdigen .

 

Bevor ich zu diesen vier Preisträgern komme, möchte ich Ihnen die Beiträge von vier weiteren Kollegen zur Kenntnis geben,  die die Vorstandsmitglieder der Stiftung sehr beeindruckt haben. Diesen Kolleginnen und Kollegen wird von uns - falls Sie denn wollen - die Veröffentlichung  ihrer  Beiträge in GWU angeboten, damit Geschichtslehrer von ihrer vorbildlichen Arbeit profitieren können. Unsere Geldmittel reichten nicht aus, alle zu  prämieren.

 

Hier wäre zunächst einmal das fachübergreifende Unterrichtsprojekt in einem einjährigen Polyvalenzkurs Geschichte /Kunst im  Jahrgang 12 am Gymnasium Andreanum in Hildesheim zu nennen. Mit außerordentlichem Engagement und kluger Planung wurde dieser  Kurs von Frau StR. Andrea Krebs und Frau OStR Schroer-Voß betreut.

Es ging um die  Auseinandersetzung mit den Euthanasiemaßnahmen der Heil? und Pflegeanstalt Hildesheim, die 1945 auf dem Gelände des ehemaligen Michaelisklosters stand,  auf dem sich heute das Gymnasium Andeanum befindet. Der Unterricht diente nicht nur der theoretischen Aufarbeitung  sondern hatte zum Ziel, einen Ort des Gedenkens und Erinnerns zu schaffen. Die Schülerinnen und Schüler schufen 21 individuelle Tonmodelle von beachtlicher Qualität für ein Denkmal, von denen eins von einer überschulischen Jury ausgewählt wurde. Nach dieser Vorlage schuf dann  ein renommierter Bildhauer mit Unterstützung der Sparkassenstiftung ein Mahnmal, das auf  dem Schulgelände steht und heute Zentrum des Schullebens  ist.

 

Ebenso soll  ein deutsch-englisches Schulprojekt  zur Friedenserziehung herausgestellt werden, geleitet von dem Rektor der Realschule Europaschule Friesenschule in Leer Herrn Jobst Homeier. In Zusammenarbeit mit der Partnerschule Reepham High School ist seit 2000 das Konzept für einen lebendigen Geschichtsunterrichts entwickelt worden, nach dem jeweils im Frühsommer der Geschichtskurs Jahrgang 9 der englischen Schule zusammen mit einer Klasse 9 der Friesenschule die Region Ypern in Belgien besucht .Verkehrssprache ist Englisch. Hier sind im 1. Weltkrieg  500000 Soldaten vieler Nationen - besonders viele Briten -  gefallen  und auf 170 Soldatenfriedhöfen begraben worden. Die Schülerinnen und Schüler besuchen nicht nur verschiedene Friedhöfe unter sinnvollen und Jugend gemäßen Fragestellungen, sondern auch Museen und verschiedene noch heute durchgeführte Feierlichkeiten in der Region zu Ehren der gefallenen oder vermissten Soldaten.

Nach Aufarbeitung der Eindrücke im Unterricht besucht dann jeweils eine Abordnung der Klasse im Herbst die Partnerschule in England  zu der  Zeit  von deren jährlichen Gedenkveranstaltungen  zu Ehren der Toten beider Weltkriege und beteiligt sich mit eigenen Beiträgen.

 

Ein dritter Beitrag, der  ungemein überzeugend war, stammt von Herrn StR. Friederich Hunecke. Es handelt sich um eine Unterrichtsreihe in Jahrgang 11 zur Erinnerungskultur anhand einer Längsschnittuntersuchung der  Reden von Bundespräsidenten zum 8.Mai 1945. Indem die Schülerinnen und Schüler  die Entwicklungslinien der bundesdeutschen Gedenkkultur und deren Wandel analysierten, konnten im alltäglichen Unterricht Reflexionen des Geschichtsbewusstseins angestoßen werden. Die Unterrichtsarbeit führte die Schülerinnen und Schüler schließlich auf Einladung des Bundestags in den Reichstag, wo sie die Rede von Bundespräsident Köhler  am 8. Mai 2005 verfolgten. Dieses  Unterrichtsprojekt wurde bereits in GWU 2/2006 veröffentlicht  und soll  hier nochmals ausdrücklich empfohlen werden.

 

Nun zu den Preisträgern:

 

Den 2. Preis mit 500,- Euro bekommen Frau StR` Birgit Schoedel und Frau StR´ Dorothee Kuhle von der Liebfrauenschule in Oldenburg.

Sie leiteten  ein fachübergreifendes Projekt der Fächer Geschichte/Deutsch  und Musik. Unter dem für den Jahrgang 11 vorgesehenen Oberthema im Geschichtsunterricht ?Krisen und   Umbrüche? schufen  Sie mit Ihren Schülern  eine literarisch-musikalische Revue als Zeitbild der Jahre 1945 bis 1959. Nach theoretischer Erarbeitung der historischen Grundlagen in Zeitzeugenbefragungen, Museumsbesuchen, Recherchen in Zeitschriften, in  Archiven und Geschichtsbüchern  wurde umfangreiches und interessantes  Bild- Text- und Tonmaterial   zusammengestellt. Die  Zwischentexte wurden von den Schülerinnen und Schülern  konzipiert, dann wurde sehr zeitintensiv  die Revue eingeübt, und   mehrfach und unter hohen Interesse der ganzen Schule aufgeführt.  Wir gratulieren Ihnen und hoffen, dass Sie Ihre Arbeit erfolgreich fortsetzen werden. Es war ja schon das 2. Projekt dieser Art. Das erste vor 2 Jahren hatte die Weimarer Republik  zum Thema.

 

Den 1. Preis 2006  mit 1000,- Euro hat der Vorstand der Stiftung  Herrn OStR  Ulrich Schröder zugedacht  , der am Fachgymnasium der Berufsschulen Osterholz Scharmbeck Deutsch und Geschichte unterrichtet.

Herr Schröder hat nach der allgemeinen Kürzung der Stundenzahl unseres Faches  auf zwei Stunden am Fachgymnasium und der Streichung  von Geschichte als Prüfungsfach beschlossen,  im 2. Halbjahr des Jg. 12 den Unterricht als  Projektkurs  zur Lokalgeschichte zu gestalten. Das Material von 3 dieser aufeinander aufbauenden Projektkurse hat uns vorgelegen.

 

2003/4 hat er mit den Schülern in intensiver Quellen-  und Archivarbeit einen historischen Stadtrundgang durch Osterholz/Scharmbeck im Verlauf des 20. Jahrhunderts erarbeitet. Ein fast professionelles Begleitheft zu den18 interessantesten Stationen mit ausführlichen Quellenangaben  wurde erstellt. Die Schülerinnen und Schüler  führten selbst öffentliche Stadtführungen durch.

Auch der  zweite  Kurs 2005  leistete einen Beitrag zur Erinnerungskultur. Er galt dem Schicksal des 17jährigen  Soldaten Kurt Albrecht, der  kurz vor Kriegsende am 23. April als Deserteur und Vaterlandsverräter hingerichtet worden war, wie die Schüler bei ihren Recherchen herausgefunden hatten. Krieg, Widerstand, Desertationen  wurden mit der Bundesvereinigung der Opfer der NS- Justiz diskutiert, die Akten der Strafsache gegen K. Albrecht studiert. Der Weg, der zur Schule führt, wurde  auf Initiative des Kurses vom Stadtrat in Kurt-Albrecht- weg umbenannt.

Im Jahr 2006 war das  Thema des Projektkurses: ? Der Landkreis Osterholz im Dritten Reich?. Die Schülerinnen  und Schüler arbeiteten überwiegend im Kreisarchiv  und führten Interviews bei verschiedenen Exkursionen zu ehemaligen Arbeitslagern, kriegswichtigen Betrieben und  zwei  Außenlagern von Neuengamme  durch .

In der 1939 für die deutsche Kriegsmarine errichtete Steinbaracke ?Wilhelmine? wurde dann eine Ausstellung zusammengestellt, die im Landkreis große Aufmerksamkeit fand.

 

Außerhalb der Konkurrenz  wollen wir in diesem Jahr  zwei Kollegen  für ihre längjährige  Arbeit danken, man könnte auch sagen für ihr Lebenswerk.

 

Wir möchten Herrn Klaus Maiwald, Realschullehrer an der Herderschule in Bückeburg, und Frau Ilse Henneberg , Lehrerin an der KGS Stuhr Brinkum, mit jeweils 500,- Euro auszeichnen.

Beide verfolgen ähnliche Ansätze und möchten mit ihren Schülerinnen und Schülern  aktive Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen leisten. Im Zentrum steht die Zeit des Nationalsozialismus.

 

Herr Maiwald hat seit 1982 mit seinen Schülerinnen und Schülern erfolgreich  an allen Wettbewerben der Körberstiftung  teilgenommen  und 1996 bis 98 an denen des niedersächsischen Landtages.

Seit 96 leitet er seine Geschichtswerkstatt . Mit den  Schülern der Klassen 9 und 10 verfolgt er den methodischen Ansatz der Spurensuche vor Ort ? untermauert durch vielfältige Forschungen in Archiven, durch Zeitzeugenbefragungen und Ortsbegehungen sowie durch europaweite Korrespondenzen. Ihre Erkenntnisse fassen die Schülerinnen und  Schüler in gut gestalteten Dokumentationen zusammen, veranstalteten Stadtführungen, Ausstellungen und  Gedenkfeiern, stellen mit Erfolg Anträge zum Aufstellen von Gedenktafeln und Stolpersteinen und wirken so direkt auf  die Erinnerungskultur  ihrer Umgebung ein. Stellvertretend für vieles andere nenne ich  die Rehabilitierung und Ehrung des Pfarrers Wilhelm Mensching, dessen Name in der Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen wurde. Hervorzuheben ist auch der enge Kontakt zu von der Geschichtswerkstatt ausfindig gemachten ehemaligen Zwangsarbeitern oder Nachkommen jüdischer Familien. Über die jahrelangen Aktivitäten und sein methodisches Vorgehen hat Herr Maiwald  verschiedene Beiträge  veröffentlicht.

 

Ich freue mich, auch noch einmal Frau Henneberg  als Preisträgerin zu begrüßen, die bereits  2003 den 1. Preis unserer Stiftung für Ihre Arbeit mit der Geschichtskurs: Spurensuche  bekommen hatte.

Damals wurde die beeindruckende  Herausgabe des Buches von Lilly Kertesz ?Von Flammen verzehrt ? und die Dokumentation zu W. v. Braun unter dem Thema: ?Technik und Ethik?  prämiert.

Wenn wir Sie heute für die gesamte Dauer Ihres bisherigen Wirkens ehren wollen, so erinnern  wir an die ganze Breite der seit 1992 mit Ihrem Oberstufenprojektkurs: ?Spurensuche? erarbeiteten Themen. Vor allem  sind die   beeindruckende Ausstellung ?Vom Namen zur Nummer? und  die nachfolgende  Niedersachsen weit beachtete umfangreiche Ausstellung ?Verfolgte in der Heimat ? zu nennen. Weitere  Publikationen zu Einzelschicksalen folgten, zuletzt 2006 ein Büchlein zur jüdischen Familie Deichmann  unter dem Titel: ?Von Syke nach Sao Paulo?.

Ab 2004 bezog der Kurs auch die Zeit des 1. Weltkrieges in die Erforschungen ein und gab in Zusammenarbeit  mit einem Französischkurs im Jahrgang 11 auf Grund von Recherchen in französischen Archiven  eine Dokumentation zur Deportation von 600 französischen  Geiseln nach Litauen heraus.

Beeindruckend auch der kreative Ansatz, das Kernthema der Verfolgung im 3. Reich durch Lesungen und selbst geschriebene Theaterstücke für die Mitschüler erlebbar zu machen.

 

Ihnen beiden herzlichen Dank.

 

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch mitteilen, dass Herr OStD Martin Thunich in diesem Jahr seine Mitarbeit im Vorstand der Stiftung  beenden wird, da er mit Übernahme der Wilhelm-Raabe-Schule, Hannover, andere Schwerpunkte in seinem Berufsleben setzen möchte.

Wir danken ihm sehr für seine anregende und kluge Mitarbeit. Ich persönlich werde ihn sehr vermissen, arbeiteten wir doch 15 Jahre zunächst im Vorstand des Geschichtslehrerverbands, dann in dem der Stiftung freundschaftlich und entspannt zusammen.

Dass die Fachberaterin Frau StD` Inge Hanslik seine Nachfolge anzutreten bereit ist, freut mich sehr. Sie wird mit ihrer außerordentlichen Fachkompetenz unser Vorstandsteam bereichern.

   
 Ansprache der Vorsitzenden der Henning-von-Burgsdorff-Stiftung 
 Ansprache der Vorsitzenden der Henning-von-Burgsdorff-Stiftung 
   
 Die Preisträger haben allen Grund zur Freude über ihre Anerkennung 
 Die Preisträger haben allen Grund zur Freude über ihre Anerkennung 
   
 Frau Netzel verabschiedet Herrn Thunich nach langjähriger Mitarbeit im Vorstand der Stiftung 
 Frau Netzel verabschiedet Herrn Thunich nach langjähriger Mitarbeit im Vorstand der Stiftung 
   
 

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