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Zentralabitur 2006 - Stellungnahme zu den "Thematischen Schwerpunkten"

29. Februar 2004

 

 

Im Vorfeld der Stellungnahme des Geschichtslehrerverbandes sollen zunächst einige allgemeine Aussagen über die thematischen Schwerpunkte getroffen werden, um den Ausgangspunkt zu kennzeichnen.

 

  1. Definition:

Die thematischen Schwerpunkte stellen eine Sammlung von Inhalten dar, die in einer möglichen Abituraufgabenstellung enthalten sein können.

 

  1. Funktion:

Die thematischen Schwerpunkte stellen eine Hilfe für die Lehrkraft bei der Konzeption von Kursthemen im Vorfeld des Zentralabiturs dar. Dabei ist zu beachten, dass die thematischen Schwerpunkte nicht mit Kursthemen zu verwechseln sind. Diese sind extra aufgeführt (Vorschläge). Es liegt in der Natur der Sache, dass die inhaltlichen Angaben sich ausschließlich auf der Ebene des Anforderungsbereichs I bewegen. Die Anforderungsbereiche II und III werden vom Kurslehrer selbstständig gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Je zwei der genannten thematischen Schwerpunkte bilden die Basis einer Abituraufgabe. Es ist davon auszugehen, dass nur einige der Inhalte in einer konkreten Aufgabenstellung enthalten sein werden. Offen bleibt, welche dies sein werden. Bei der Konzeption von Kursen bleibt dennoch ein erkennbarer Gestaltungsspielraum offen. Da die Prüfungsthemen in jedem Jahr wechseln müssen, wird es in jedem Jahr neue thematische Schwerpunkte geben.

 

  1. Kriterien, denen die Schwerpunkte genügen:

Die thematischen Festlegungen genießen Vorrang vor anderen Festlegungen, da sie sich an den Rahmenrichtlinien orientieren sowie an den einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung. Sie machen u.U. die Änderung des hausinternen Rahmenplans einzelner Schulen erforderlich. Sie gehen davon aus, dass die Epochen der Geschichte im Unterricht in angemessener und ausgewogener Weise berücksichtigt werden. Ein Unterricht, der sich auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränkt, kann nicht als rahmenrichtlinienkonform gelten.

 

Geht man von den oben genannten Kriterien und Funktionen aus, so ergibt sich :

 

Die thematischen Schwerpunkte geben der historischen Breitenbildung eindeutig den Vorzug vor ausgesuchtem Spezialwissen auf Kosten der breiten Wissensbestände. Diese Vorgabe sollte nicht vorschnell als Nötigung zur ?Stoffhuberei? missdeutet werden, sondern als Verweis auf die Erarbeitung der großen Zusammenhänge in der Geschichte, die ohne ein Mindestmaß an Wissen nun einmal nicht zu erkennen sind. Die thematischen Schwerpunkte weisen den Weg in den Arbeitsunterricht auf der Basis u.U. anstrengender stoffbezogener Vorbereitung. Absolventen einer Abiturprüfung im Fach Geschichte sollten  Mindestkenntnisse der Geschichte des Mittelalters und der Antike nachweisen, denn das Verständnis des Menschen und der Gegenwart ergibt sich nicht ohne Rückgriff auf die älteren Epochen der Geschichte.

 

Es handelt sich bei den thematischen Schwerpunkten für 2006 um einen gängigen, einen ab und zu behandelten und einen seltener behandelten Themenbereich der  Oberstufe.

Gängig ist das Thema
Geschichte Deutschlands seit 1945.
Die vorgegebenen Unterrichtsinhalte und inhaltlichen Aspekte entsprechen weitgehend den üblichen Inhalten der Kurse zu diesem Thema. Die angegebenen Kursthemen (Vorschläge) zeigen, wie weitgehend die Kursthematik sich vom Stichwortkatalog der thematischen Schwerpunkte entfernen kann.

 

Der  zweite thematische Schwerpunkt enthält Stichwortlisten zu dem eher selten in der Oberstufe unterrichteten Thema
Herausbildung Europas im Mittelalter.
Es geht in diesem Schwerpunkt um die  allgemeinen Grundlagen der europäischen Gesellschaft  des Mittelalters zu den Themen: Christentum und Kirche,  Kaiseridee,  Begegnung mit dem Islam, Grundherrschaft, Lehnswesen, Stadtentwicklung, Rolle des Adels und der Stände. Es ist deutlich, dass es sich bei Themen wie dem ottonisch-salischen Reichskirchensystem um Inhalte handelt, ohne die die gesamte Reichsentwicklung bis in das Vorfeld der Moderne im 19. Jahrhundert hinein nicht zu verstehen ist.  Ohne weiteres ist es möglich, über das Reichskirchensystem oder über die Stadt im Mittelalter eigene ausführlich in die Tiefe gehende Kurse zu entwickeln. Diese Planungen müssten allerdings sicherstellen, dass die in den Vorgaben des Ministeriums enthaltenen Begriffe, Institutionen und historischen Vorgänge in die Kurse eingebaut werden.

 

Kritische Anmerkung:

  1. Stichwort Europa: Es wäre möglicherweise besser gewesen, den thematischen Schwerpunkt schlicht Mittelalter zu nennen und die Herausbildung Europas einem oder mehreren Kursthemen zuzuweisen. Tatsächlich beziehen sich auch nur die vorgeschlagenen Kursthemen explizit auf Europa.
  2. Unterscheidung von Grund- und Leistungskursen:
    Die Abtrennung des Investiturstreits als ein dem Leistungskurs vorbehaltenes Thema leuchtet wenig ein, wenn der Grundkurs über das ottonisch-salische Reichskirchensystem arbeiten soll. Immerhin hätte dann auch das Wormser Konkordat zugeordnet werden sollen. Ist es sinnvoll, dass der Grundkurs zwar etwas über die Grundherrschaft und das Lehnswesen erfahren soll, nicht aber über die Entstehung der Landesherrschaft, die für die frühe Neuzeit so wichtig ist? Es stellt sich hier die Frage, ob sich die Unterscheidung von Grund- und Leistungskursen über die Aufteilung von Stoffen in sozusagen Fundamentum und Additum herbeiführen lässt. An dieser Stelle sollte erneut nachgedacht werden, sofern es in Zukunft die Unterscheidung von Grund- und Leistungskursen überhaupt noch geben wird.

 

Der thematische Schwerpunkt 3 zur
Geschichte der USA im 18. und 19. Jahrhundert
enthält Stoffe, die zwar für den Geschichtsunterricht der Oberstufe vorgesehen sind, aber nur ab und an in konkreten Kursthemen wiederkehren. Sie decken den in den Rahmenrichtlinien vorgesehenen weltgeschichtlichen Bezug ab so wie das Mittelalterthema den europäischen Bezug. Gängiger als Thema für weltgeschichtlich orientierte Kurse ist der Nahe Osten. Ein Wechsel der thematischen Perspektive ist jedoch letztlich ein Gewinn, da der Unterricht einen Zugewinn an Zusammenhangserkenntnis durch die Erweiterung der konkreten Sachbezüge erfährt. Gerade die Geschichte der frühen USA liefert die Hintergründe für die so großen Unterschiede im politischen Handeln und Empfinden zwischen Amerika und Europa, was sich in der Vorgeschichte des jüngsten Krieges im Nahen Osten in wünschenswerter Klarheit darstellte. Ein auf Zusammenhangserkenntnis hin orientierter Geschichtsunterricht kann also auf die Bearbeitung der amerikanischen Geschichte nicht verzichten, wenn es um die Betrachtung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Europas im 20. Jahrhundert geht. Fügt man das Thema USA in den größeren Zusammenhang des Imperialismus ein, dann ist es Teil eines an niedersächsischen Gymnasien häufigen Kursangebots über den Imperialismus allgemein. Mindestens drei der vorgeschlagenen Kursthemen entsprechen diesem thematischen Rahmen.

 

Zusammenfassende Beurteilung:

Alle drei vorgegebenen thematischen Schwerpunkte sind für den Geschichtsunterricht Bestandteile der Gesamtkonstitution des Faches, auf die nicht ohne teilweisen Verlust der öffentlichen Relevanz des Faches verzichtet werden kann. Andere Fächer (Religion, Englisch, Französisch) können durch ihre Lerninhalte den Geschichtsunterrichts ergänzen, aber nicht ersetzen. Die besondere historische Zugangsweise ist erforderlich, wenn es darum gehen soll, zu wirklichen Erkenntnisfortschritten im Unterricht zu gelangen. Es ist unschwer erkennbar, dass das Zentralabitur mit seinen thematischen Vorgaben eine Steuerungsfunktion für den Oberstufenunterricht übernommen hat. Die neue Situation kann eine positive Entwicklung hin zu einer Steigerung des für den Unterricht konstitutiven Grundlagenwissens einleiten.

Insgesamt ist festzustellen, dass es sich um eine sinnvolle Themenauswahl handelt. Allerdings dürfte es schwierig sein sinnvolle Übergriffe inhaltlicher Art zwischen den drei Themenschwerpunkten herzustellen. Es ist die grundsätzliche Frage zu stellen, ob die bisher üblichen Semesterübergriffe den Übergriffen auf weitere Themenschwerpunkte entsprechen können, ohne diesen den Charakter von Kursthemen zu geben. Die Semesterübergriffe bisheriger Art waren i.d.R. auf der Ebene der Anforderungsbereiche II und III angesiedelt. Die Themenschwerpunkte bewegen sich jedoch wie oben dargestellt im Anforderungsbereich I. Für das Mittelalterthema wird es angezeigt sein, Angebote zur Auffrischung der wissenschaftlichen Fachkenntnisse im Programm der Regionalen Lehrerfortbildung auszuweisen.

 

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