Startseite | HOMESitemap, SucheKontakt, eMail
Praxis Geschichte
Praxis Politik
Deutsch Unterricht
Praxis Englisch
 

Stundentafel für das Fach Geschichte - Offener Brief an den Kultusminister, 2. Nov. 2003

3. November 2003

Offener Brief

An den
Kultusminister des Landes Niedersachsen
Herrn Bernd Busemann
Schiffgraben 12

30159 Hannover

 

Stundentafel für das Fach Geschichte

 

Sehr geehrter Herr Minister,

als Vorsitzender des niedersächsischen Geschichtslehrerverbandes möchte ich auf eine Entwicklung hinweisen, die dem Fach Geschichte nicht zuträglich ist.

Uns wurde aus Ihrem Hause mitgeteilt, dass die Jahrgänge 5 und 6 jeweils 2stündig mit Geschichtsunterricht versorgt werden sollen. Dies wurde vom Verband, wie aus dem letzten Verbandsrundbrief zu entnehmen ist, begrüßt. Jetzt hören wir, dass die Klasse 8 und die Klasse 10 im Gegenzug auf ein halbes Jahr Geschichtsunterricht reduziert werden sollen.

Gegen diese Absicht kann der niedersächsische Geschichtslehrerverband nur auf das Entschiedenste protestieren.

Als Vorsitzender des Verbandes muss ich im Namen der niedersächsischen Geschichtslehrer darauf bestehen, dass der volle Geschichtsunterricht mit 2 Wochenstunden von Klasse 5 bis Klasse 10 in unseren Gymnasien und Realschulen erteilt wird und dass die gymnasiale Oberstufe die der Bedeutung des Faches Geschichte entsprechenden Kurse mindestens dreistündig vorsieht. Damit verträgt sich nicht, in Klasse 11 weiterhin die Reduzierung des Faches Geschichte auf ein halbes Jahr vorzusehen, das Fach Politik aber weiterhin voll unterrichten zu lassen. Dies gilt für das Fachgymnasium, das vor nicht allzu langer Zeit eine Reduzierung der Geschichtskurse von 3 auf 2 Stunden hinnehmen musste, in gleicher Weise.

Geschichte muss in der Oberstufe gesetztes Fach im gesellschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt sein. Es ist notwendig, dass der Unterricht der Mittelstufe so ausgestattet wird, dass das Fach Geschichte als Schwerpunktfach in der Oberstufe sinnvoll vorbereitet wird und als tragendes Fach in den Bereich der übrigen Schwerpunktfächer ausstrahlen kann.

Geschichte ist kein "leichtes" Fach. Es ist erst dann möglich in diesem Fach den Bereich des problemlösenden Denkens zu erreichen, wenn ein Mindestwissen erworben wurde und zwar in der Weise, dass auf diese Wissensbestände über längere Fristen hinweg zurückgegriffen werden kann. Anders sind z. B. vergleichende Vorhaben im Geschichtsunterricht nicht möglich. Erst der Überblick über weitere Strecken der Geschichte lässt neue Erkenntnisse wachsen. Auch die Betrachtung vergleichbarer Phänomene in unterschiedlichen Epochen der Geschichte oder in unterschiedlichen Weltteilen setzt die Erarbeitung eines soliden Wissensbestandes voraus.

Es wäre das Gegenteil von Bildung, wenn wir im Geschichtsunterricht im Grunde nicht weiterkämen als die Interpretation historischer Vorgänge mit Hilfe von Kategorien aus der gegenwärtigen Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler vorzunehmen, wie es allenthalben zu beobachten ist. Dieser aus der Dürftigkeit der Stundenausstattung des Geschichtsunterrichts herrührende Oberflächlichkeit raubt der Beschäftigung mit der Historie ihren Sinn. Nicht die Gegenwart hat über die Geschichte nach ihren eigenen Maßstäben zu Gericht zu sitzen, sondern die Geschichte ist eine Anfrage an die willkürlich festgelegten Selbstverständlichkeiten der Alltagswelt unserer Gegenwart.

Die Befassung mit der Geschichte findet ihren Sinn in der Herausforderung an uns, die Frage zu beantworten, wer der Mensch letztlich sei. Damit sind auch und gerade die Epochen vor 1789 von großer Bedeutung. Jede Epoche der Geschichte ist auf ihre Weise eine Herausforderung unserer Gegenwart und trägt zur Beantwortung der genannten Generalfrage ihren Teil bei.

Auf diese Weise schützt eine sinnvolle Befassung mit der Geschichte davor, selbstkonstruierte, auf vordergründigen Annahmen über den Menschen basierende Konzepte zur Grundlage weitreichender Entscheidungen und Planungen zu machen, über deren Scheitern die Geschichte ihrerseits in einer Fülle von Beispielen anschaulichen Unterricht erteilt.

Aus diesem Grunde ist es von vornherein verfehlt Standards für den Geschichtsunterricht so zu formulieren, dass letztlich lediglich die Erscheinungen der Gegenwart in ihrem Gewordensein betrachtet werden. Die Genese der Gegenwart aus der Vergangenheit ist zwar wissenswert, aber nicht wissensnotwendig, weil in ihr kein kritisches Potential steckt, das geeignet ist, die Gegenwart selbst in Frage zu stellen.

Der Umgang mit der Geschichte in unseren Schulen muss einem hohen Anspruch folgen. Er soll das Denken unserer Schülerinnen und Schüler, die u. a. die Entscheidungsträger von morgen sind, mit dem kritischen Potential versorgen, das notwendig ist, um wirklich und nicht nur scheinbar verantwortungsbewusst zu handeln. Wer in seiner Gegenwart Strukturen entdeckt, die schon in der Vergangenheit sich als unheilvoll erwiesen haben, wird Vorsicht walten lassen und nicht blind oder mit Scheuklappen versehen ausschließlich in eine Richtung blicken. Er wird vor Entscheidungen im privaten und öffentlichen Bereich eine Phase der Reflexion einlegen. Dies für unsere Schülerinnen und Schüler zu erreichen, wäre das vornehmste Ziel des Geschichtsunterrichts.

Wenn jetzt durch den Landtag, angestoßen durch den Präsidenten des niedersächsischen Landtags, eine Kampagne für die Stärkung der niedersächsischen Landesgeschichte geführt wird, so wird dies vom niedersächsischen Geschichtslehrerverband außerordentlich begrüßt,

denn die Aspekte, die hier aufgegriffen werden, sind weit gestreut und zeigen, dass alle Lebensbereiche Geschichte haben. Zudem ergibt sich hier die Möglichkeit, die Bezogenheit des eigenen Ortes oder der eigenen Landschaft auf die kleineren und größeren geschichtlichen Ereignisse und Entwicklungen zu sehen und auf diese Weise ein identitätstiftendes Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.

Landesgeschichte ermöglicht kritische Identifikation. Sie gibt die Chance der Aneignung von Lebensinhalten und gesellschaftlichen Maximen, die sich im eigenen näheren Lebensraum bewährt haben. Damit schafft Geschichte die Chance der für unsere Schülerinnen und Schüler wichtigen Orientierung im Leben.

Wenn nun im Jahr 2005 an allen Schulen in Niedersachsen ein Tag der Landesgeschichte stattfinden soll, dann kann dies nicht geschehen, wenn im gleichen Atemzug der Geschichtsunterricht in den wichtigen Jahrgängen 8 und 10 zusammengestrichen wird.

Ich frage Sie: In welcher Zeit sollen die Beiträge zum Tag der Landesgeschichte in den Schulen erarbeitet werden? Und vor allem: Wie sollen die Schülerinnen und Schüler dazu Ideen entwickeln, wenn für die Behandlung landesgeschichtlicher Themen im Unterricht keine Zeit bleibt, da schon die großen Ereignisse und Entwicklungen der europäischen und der Weltgeschichte nicht mehr bewältigt werden können, weil selbst dafür die Stunden nicht reichen.

Immerhin hatte die Mittelstufe in der bis jetzt gültigen Stundentafel noch eine Wochenstunde mehr. Die Jahrgänge 5 und 6 bieten keinen ausreichenden Ersatz für den Verlust in den höheren Jahrgängen, denn die Klassen 5 und 6 können die Last der Anforderungen nicht tragen. Die Schülerinnen und Schüler sind dafür zu jung.

Die Erarbeitung eines geschichtlichen Weltbildes geht nicht im Schnellverfahren. Ein Darüberhinweghuschen schadet eher als dass es nützt. Ein Stehenbleiben bei den Kuriositäten der Geschichte schafft eher Distanz als sinnstiftende Identifikation. Geschichte kann nur dann im beschriebenen Sinne betrieben werden, wenn es tragendes Leitfach ist. Andernfalls gerät es zum Steinbruch, in dem man sich beliebig bedient um Inhalte anderer Art mit ein wenig historischem Kolorit zu versehen. Dem sollte die Schule nicht Vorschub leisten.

Ich bitte daher im Namen des Geschichtslehrerverbandes darum, die Besinnung auf die Wichtigkeit historischer Inhalte und die Bedeutung des Faches in der Schule für die Schülerinnen und Schüler zur Grundlage der Festlegungen der Stundentafel in diesem Bereich zu machen. Das Fach Geschichte verträgt keine beliebigen Kürzungen. Wenn hier gekürzt wird, geht es sehr schnell an die Substanz.

Ich bitte sehr darum, vor endgültigen Festlegungen das Gespräch mit dem Verband der niedersächsischen Geschichtslehrer zu suchen. Anfragen und Bitten um ein solches Gespräch hat es in der Vergangenheit mehrfach gegeben.

Mit freundlichen Grüßen

für den Verband der Geschichtslehrer Deutschlands, Landesverband Niedersachsen

Dr. Martin Stupperich
Oberstudiendirektor

 

.:: Impressum | Disclaimer | Webmaster | Zuletzt aktualisiert am 16.02.2004 ::.