Startseite | HOMESitemap, SucheKontakt, eMail
Praxis Geschichte
Praxis Politik
Deutsch Unterricht
Praxis Englisch
 

Regionalgeschichte und Geschichtsunterricht - Beitrag von W. Münchenhagen, Tostedt

Wolfgang Münchenhagen:

Die Region im Geschichtsunterricht des Sekundarbereichs I – Plädoyer für einen regionalgeschichtlichen Zugriff

Entwurf für einen Beitrag zur "Roten Mappe 2004" des Niedersächsischen Heimatbundes

Regionalgeschichte soll im Geschichtsunterricht des Sekundarbereichs I aus lern- und entwicklungspsychologischen Gründen deutlich stärker thematisiert werden. Die Schülerinnen und Schüler sollten ihr historisch-politisches Grundverständnis im Sinne eines Zugriffs "vom Nahen zum Fernen" organischer, anschaulicher und somit schülerorientierter als bisher aufbauen können.

Kinder und Jugendliche können abstrakte Fragen nach Verantwortung und Fehlverhalten der Menschen, nach Fortschritt und Fehlentwicklungen etc. mit Blick auf das Angeschaute vor Ort konkreter stellen und im eigenen Erfahrungsbereich selbständiger sowie differenzierter erforschen. Die Untersuchung des regionalen Beispiels öffnet Kindern und Jugendlichen einen geschulten Problemhorizont für das Betrachten der Geschichte insgesamt: Sie sollen an örtlichen Traditionen und Überresten, die sie aus alltäglicher Begegnung kennen, exemplarisch dasjenige lernen können, was ihnen in ihrem alltäglichen Orientierungs- sowie persönlichen Reifeprozess stärker und nachhaltiger hilft: die Geschichte ihrer Region im Spiegel der Geschichte Deutschlands, Europas und der Welt.

Die derzeit gültigen Rahmenrichtlinien Geschichte für den Sekundarbereich I in Nds. widersprechen vielfach mit ihren verbindlichen Themenvorgaben den entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler. Die Themenwahl orientiert sich an "Leitproblemen" und "Dimensionen historischer Forschung": Geschlechtergeschichte, Politikgeschichte, Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kulturgeschichte und Umweltgeschichte. Diese abstrakten Determinanten für den Zugriff auf Geschichte sind aus fachwissenschaftlicher Sicht eines Erwachsenen unstrittig – sie entsprechen aber kaum dem Orientierungsvermögen von Kindern und Jugendlichen im Sekundarbereich I und damit nicht einem schülergerechten Curriculum, das nach lernpsychologischen Gesichtspunkten organisch aufgebaut ist.

Die primär wissenschaftlich begründete Relevanz der Themen und damit die Sinnhaftigkeit der Unterrichtsinhalte können viele Schülerinnen und Schüler meist nur schwer erfassen, weil sie – entwicklungspsychologisch bedingt – überfordert sind: Demotivation und Unselbstständigkeit sind häufig zu beobachtende Folgen, die von engagierten Lehrkräften nur bedingt aufgefangen werden können. Unterrichtspraktische Erfahrungen belegen, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte für die Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klassenstufe nicht verfrüht ist, dass sie aber oft durch entwicklungs- und lernpsychologisch inadäquate Ansprüche, welche die Systematik der Geschichtswissenschaft bestimmt, überfordert werden. Schülerinnen und Schülern müssen die Relevanz eines Unterrichtsgegenstandes anschaulich erfahren und verstehen können; Anschaulichkeit und Relevanz beeinflussen wesentlich ihre Motivation, die Qualität ihres historisch-politischen Verstehensprozesses und somit den Lernerfolg insgesamt.

Das Verstehen historischer Zusammenhänge sollte, wenn immer es sich anbietet, von örtlichen Traditionen und Überresten ausgehen, weil ein solcher Lernprozess – aus Sicht der Kinder und Jugendlichen – vom Bekannten zum Unbekannten führt, vom Konkreten zum Abstrakten. Dabei kann die Lokal-/Regionalgeschichte

  • selbst Ausgangpunkt eines Lernprozessen sein

  • als Exemplum zur Überprüfung und Konkretisierung allgemeiner Zusammenhänge herangezogen oder

  • zur veranschaulichenden Spiegelung parallel zu den überregionalen Sachverhalten unterrichtet werden.

Ein solcher Geschichtsunterricht kann effektiver und nachhaltiger zur Identitätsfindung in einem historisch gewachsenen sozialen Umfeld beitragen, die durchaus kritische Identifikation mit Gesellschaft und Staat fördern und zur politischen wie kulturellen Integration vor Ort beitragen. Um diese wertvollen persönlichkeitsbildenden Ziele realisieren zu können, sollen Schülerinnen und Schüler im gesamten Sekundarbereich I, und hier besonders in dessen unteren Klassenstufen, Themen aus regionalem Kontext heraus erarbeiten können.

Um eine Stoffüberfrachtung zu vermeiden, sollen Fachkonferenzen im Sinne der Aufgaben und Ziele des Geschichtsunterrichts selbstständig entscheiden dürfen, lokal- bzw. regionalgeschichtliche Zusammenhänge nicht nur ergänzend, sondern auch anstelle der in den Rahmenrichtlinien verbindlich gesetzten Themen zu unterrichten, und zwar bis einschließlich zur 8. Hauptschulklassenstufe bzw. der 9. Klassenstufe an Realschulen und Gymnasien. Dabei müsste auch ein Thema außerhalb der Chronologie behandelt werden können, z. B. in Klasse 7 die Geschichte der Schule oder des Ortes oder des Stadtteils nach 1945 anstatt der Antike Griechenlands.

 

Wolfgang Münchenhagen ist StD am Gymnasium Tostedt. Vgl. auch seinen Aufsatz in: Archiv-Nachrichten Niedersachsen 6/2002 u.d.T.: Regionalgeschichte im Schulunterricht. Thesen zur Zusammenarbeit zwischen Schulen und Archiven. - Die genannte Zeitschriften-Ausgabe enthält weitere Aufsätze zum Thema.

 

.:: Impressum | Disclaimer | Webmaster | Zuletzt aktualisiert am 09.10.2003 ::.