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Tagungsbericht: 1914-2014 Krieg und Frieden. Hannover, 6./7.2.2014

„1914–2014 Krieg und Frieden.
Von der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts
zu den Herausforderungen der Gegenwart“.
Fachdidaktische Tagung in Hannover, 6./7.2.2014

Tagungsbericht

Die 100. Wiederkehr des Ausbruches des Ersten Weltkrieges hat in der aktuellen Geschichtskultur bereits ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Jahrestag tiefe Spuren hinterlassen. Namhafte Autoren haben umfängliche Darstellungen vorgelegt. Eine von ihnen, Christopher Clarks voluminöse Monographie zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, „Die Schlafwandler“, stand lange Zeit mit rund 20.000 verkauften Exemplaren pro Woche an Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Ihr publizistischer Erfolg, völlig unerwartet für alle Beteiligten, wirft ebenso ein Schlaglicht auf die besondere Form der Erinnerung wie das Schweigen der politischen Klasse in Deutschland. Auch die Vorgaben für das Zen­tralabitur 2014, 2015 oder 2016 nehmen das Ereignis nicht zur Kenntnis.

In Niedersachsen ist es dem Engagement mehrerer Verbände und Institutionen zu verdanken, dass der Erste Weltkrieg eine angemessene Würdigung erfahren hat. „1914–2014 – Krieg und Frieden. Von der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu den Herausforderungen der Gegenwart“ lautete der Titel der vierten fachdidaktischen Tagung am 6./7.2.2014 in der Akademie des Sports in Hannover, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Kultusministerium, der Deutschen Vereinigung für politische Bildung, dem Niedersächsischen Geschichtslehrerverband und der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung organisiert hatte. Der Natur des Themas entsprechend nahmen die historischen Vorträge den größten Raum ein und so bestand auch die Mehrheit des Publikums aus Historikerinnen und Historikern.

Wo liegen die Tendenzen der aktuellen Weltkriegsforschung? Wie lässt sich das Thema Erster Weltkrieg in einer veränderten Schul- und Medienlandschaft interessant und relevant unterrichten? Obwohl die meisten der Referenten weniger aus der Schulpraxis als aus der Wissenschaft kamen, lieferten sie doch wertvolle Hinweise und Anregungen, deren Nutzung im Unterricht naheliegt – insbesondere dann, wenn man, wie in den meisten Fällen üblich, vom Angebot der Schulbücher her auf einem völlig veralteten wissenschaftlichen Stand ist. Die Fischer-Kontroverse jedenfalls, nach wie vor ein zentrales Thema der Materialzusammenstellungen in den Schulbüchern, spielte auf dieser Tagung keine Rolle mehr.

Was also stattdessen? Wollte man die Botschaften der Vorträge auf den Punkt bringen, so lautet das Schlagwort einer angemessenen thematischen Erschließung und Bearbeitung „Transnationalität“, eingebettet in die kulturgeschichtliche Wende der Geschichtswissenschaft, die auch in der Weltkriegsforschung eine Auffächerung der perspektivischen Zugriffe weg von der Politik- und Diplomatie- hin zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte eröffnet hat.

 

Hans-Heinrich Nolte und Helmut Bley (beide Hannover) schärften in ihren Vorträgen das Bewusstsein für die Bedeutung des Ersten Weltkrieges jenseits von Mitteleuropa, indem sie ihn zum Ausgangspunkt eines Abrisses der Geschichte der UdSSR (Nolte) nahmen oder seine Auswirkungen auf den Nahen Osten, das ehemalige Gebiet des Osmanischen Reiches skizzierten (Bley).

Nirgends, so Nolte, war der Bruch der alten Ordnung so radikal wie in Russland. Die bolschewistische Revolution führte jedoch nicht zu einer Rätedemokratie, sondern zu einer bürokratischen Diktatur, die in besonderem Maße auf Gewalt beruhte und die UdSSR in eine lang anhaltende außenpolitische Isolierung führte. Trotz der riesigen Verluste im Rahmen von Kollektivierung und nachholender Industrialisierung trug die UdSSR die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges. Dies verhalf ironischerweise schließlich den USA zur weltweiten Hegemonie, nachdem ihr die UdSSR über 40 Jahre lang ein Gegengewicht geboten hatte.

Bley arbeitete den Weltkriegscharakter deutlich heraus. Das deutsche militärische Engagement im Osmanischen Reich hatte vor Kriegsbeginn zu diplomatischen Verstimmungen geführt (Liman-von-Sanders-Krise 1913). Noch heute sei die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft im kollektiven Gedächtnis der Türken lebendig, die Ablehnung einer EU-Mitgliedschaft durch Deutschland werde auch deshalb von ihnen mit Unverständnis („Es lohnt sich nicht!“) wahrgenommen. Die gescheiterte Landung alliierter Truppen bei Gallipoli im Februar 1915 sei bis heute ein umstrittener Erinnerungsort: Was für die Türken bis heute ein großer Sieg sei, sei für die zum großen Teil beteiligten Australier und Neuseeländer ein schwerer Schock gewesen, der zum Ausgangspunkt des Nationalbewusstseins beider Staaten wurde. Noch heute feiern beide Nationen am 25. Februar den ANZAC (Australia and New Zealand Army Corps)-Day.

Insgesamt 6,5 Millionen Soldaten aus den Kolonien waren am Weltkrieg beteiligt. Ihre Hoffnungen für ihre Heimat erfüllten sich jedoch zumeist nicht. Chinas Enttäuschung über die Ergebnisse des Versailler Friedensvertrages führte zu den Unruhen des 4. Mai 1919 in Peking, dem Ausgangspunkt der Radikalisierung der chinesischen Revolution und der Gründung der KPCh. Die ägyptische Revolution von 1919 führte zur Unabhängigkeit des Landes, mit dem der Prozess der Dekolonisation begann. Die europäischen Mächte hielten jedoch vorläufig am Konzept des Imperialismus fest, sodass die Langzeitfolgen erst nach dem Zweiten Weltkrieg sichtbar wurden.

Die britische Balfour-Declaration von 1917 legalisierte die zionistischen Siedlungen in Palästina und schuf damit die Grundlage für die weitere jüdische Einwanderung. Im Gebiet des Osmanischen Reiches ereigneten sich humane Katastrophen wie der Völkermord an den Armeniern und später die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien.

 

Bewegten sich diese Vorträge eher im Rahmen traditioneller Ereignisgeschichte, so vollzogen die anderen Referenten den oben angedeuteten Paradigmenwechsel erheblich konsequenter und legten streitbare und in der Tat strittige Interpretationsansätze vor.

Den Initialakzent setzte dabei der Düsseldorfer Historiker Gerd Krumeich. Er interpretierte die deutsche Niederlage sowie die harten Bedingungen des Versailler Vertrages, vor allem den Kriegsschuldparagraphen als Anlass eines „kollektiven Traumas der Niederlage“, das die angemessene Aufarbeitung der Erfahrungen für genau zehn Jahre verhinderte und stattdessen zu einer Verdrängung führte. Weil eine Aufarbeitung zunächst nicht stattgefunden habe, sei die Weimarer Republik von Brutalisierungserfahrungen geprägt worden. Diese betrafen sowohl den politischen Streit, in dem Gegner zu Feinden erklärt und ermordet wurden, sie betrafen aber auch die Jugend, die auf diese Weise Vorprägungen für den späteren NS erhielt. Die bewusst lancierte Dolchstoßlegende habe die Fortschreibung des Kriegsgeschehens unterstützt. Während sich in den Siegernationen schnell ein einheitliches, lagerübergreifend akzeptiertes Totengedenken entwickelte, sei dies in Deutschland nie gelungen. Hier sei es stattdessen zu einem „Stellungskrieg der Denkmäler“ gekommen, der stets dem politischen Streit ausgesetzt war. Schwerstverwundete seien wie zivile Unfallopfer behandelt worden, was die Kriegsversehrten als mangelnde Anerkennung ihres Opfers verstanden (Stahlhelmführer Seldte: „Ich habe meinen Arm doch nicht in der Straßenbahn verloren!“); berühmte Werke der darstellenden Kunst (Otto Dix, George Grosz) hätten auf die ehemaligen Frontkämpfer gewirkt wie ein Mangel an Respekt oder an Empathie gegenüber ihrem Engagement und ihren Entbehrungen. All dies seien Indikatoren für das Fehlen einer breiten, konsensorientierten Aufarbeitung des Geschehens.

Diese setzte ab 1928 intensiv in kultureller Breite ein. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Remarques Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“. Zehn Jahre seien auch in der psychologischen Forschung der Zeitraum, der für die Bewältigung individueller Traumata angesetzt werde. Dennoch reisten auch die Nationalsozialisten auf dem Ticket des Traumas von Versailles. Hitler habe immer gegen die Unterzeichner polemisiert und seine politischen Ziele seien zunächst vom Revisionismus geprägt gewesen. Seine Forderung von der Wiedererlangung von „Macht und Kraft und Herrlichkeit“ spiegelte das wider.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Krumeich sich mit seiner These markant von den führenden Exponenten der Weltkriegsforschung abzusetzen suchte und mit seinem Ansatz, die mentalen Aspekte zu betonen, nach eigenem Verständnis bisherige „Denkverbote“ durchbrach. Das blieb zwar nicht unwidersprochen, doch man gelangte auf diese Weise zur Frage nach dem Erfolg von Christopher Clarks „Schlafwandlern“; zusätzlich zu seinem Verkaufserfolg füllt Clark nämlich auch die Vortragssäle und seine Gegner werden bisweilen aus dem Saal gebuht. Anscheinend, so lautete Krumeichs Vermutung, ist das Trauma des Ersten Weltkrieges noch immer virulent und Clarks Buch erfülle für den Ersten Weltkrieg heute die Funktion wie das Jahr 1954 (der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft: „Wir sind wieder wer“) für den Zweiten Weltkrieg. Der Bonner Geschichtsdidaktiker Peter Geiss unterstützte diese These: Die Deutschen interessierten sich nicht primär für den Ersten Weltkrieg; Clark treffe aber einen nationalen Nerv, sein Buch gewinne eine „nationale Entlastungsfunktion“.

 

Die gleiche Wegstrecke in der Analyse durchmaß Gerhard Hirschfeld (Stuttgart). Er bestätigte die Schwierigkeiten der Deutschen, der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zu begegnen im Rahmen seines Vortrages über die „Medialisierung des ‚Großen Krieges‘ in Deutschland“. In diesem „ersten umfassenden Medienkrieg“ habe die „Wirkungsmächtigkeit fotografischer Destruktionsästhetik“ voll Raum gegriffen – nicht zuletzt dank der Amateurfotos zahlreicher „Knipser­soldaten“. Zugleich durchdrangen sich aber auch Kriegführung und Propaganda, es bildete sich eine „Sinnindustrie“ heraus.

Ausstellungen während des Krieges hatten das Ziel, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln; sie vermittelten den Anschein professioneller Objektivität. Das 1927 eröffnete Tannenberg-Denkmal präsentierte jedoch nur eine selektive Erinnerung an die siegreiche Schlacht in Ostpreußen. Ansonsten war umstritten, wofür die Soldaten gefallen waren: für die Republik, für die kommunistische Internationale oder – schließlich – für die „nationalsozialistische Bewegung“? Parallel dazu breitete sich der Kult des politischen Märtyrers (Schlageter) aus. Ein einziges Anti-Kriegsmuseum gründete Ernst Friedrich 1923 in Berlin-Wedding, das die Nazis 1933 umgehend schlossen und in ein SA-Lokal umwidmeten.

Die Nationalsozialisten führten 1935 den „Heldengedenktag“ im März eines Jahres ein, den sie fortan zur Verkündung wichtiger außenpolitischer Entscheidungen nutzten. Museen, z.B. das Berliner Zeughaus, wurde zur „kriegsgeschichtlichen Bildungsstätte“. Die deutschen Siege im Westen 1940 wurden als Ende des Ersten Weltkrieges angesprochen, der Gefallenen von 1914-1918 wurde mit dem Satz „… und ihr habt doch gesiegt!“ gedacht.

Angesichts der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges trat die Erinnerung an den Ersten nach 1945 in den Hintergrund. Trotz der Fischer-Kontroverse der sechziger Jahre sowie einiger medialer Angebote blieb das Interesse bis in die neunziger Jahre eher gering. Der Paradigmenwechsel zur Alltagsgeschichte bewirkte jedoch, dass der Erste Weltkrieg wieder mehr Aufmerksamkeit erfuhr.

Bis heute gibt es in Deutschland kein Museum des Ersten Weltkrieges. In Frankreich gibt es derer zwei. Dies sei jedoch heutzutage kein Nachteil. Thematische Ausstellungen, die auf aktuelle Strömungen in Wissenschaft und Erinnerungskultur Rücksicht nähmen, seien heute zugänglicher als große Dauerausstellungen. Da die Weltkriegsforschung heute international vernetzt sei, sei es ferner Standard, sie von einem internationalen Expertenteam erstellen zu lassen.

Im Gegensatz zu den Verwerfungen der deutschen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sei diese in Großbritannien (Grabmal des ‚unknown warrior‘ in der Westminster Abbey, Cenotaph in Whitehall, Rememberance Day am 11.11.) und in Frankreich sehr viel einheitlicher und kaum kontrovers. Dort sei auch die familiäre Erinnerung an die Gefallenen viel stärker ausgeprägt.

 

Beide Vorträge präsentierten den Gewinn kulturwissenschaftlicher Zugänge auf das Thema. Unterrichtlich, das wurde insbesondere bei Hirschfeld deutlich, ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten für Themenfindungen und anschauliche Vergleiche nationaler Perspektiven auf das Kriegsgeschehen und seine Rezeption.

 

Eher auf dem Gebiet transnationaler Überlegungen war der erstaunlich praxisorientierte Vortrag von Etienne François (Berlin) angesiedelt, der sich in die Rolle eines Geschichtslehrers hineinversetzte und für die Behandlung des Themas „Versailles“ eine Dreiteilung in Faktizität, Symbolik und Wahrnehmung der Pariser Vorortverträge vorschlug. Zunächst empfahl er, die Erwartungen der kriegführenden Parteien den tatsächlichen Ergebnissen gegenüberzustellen. Von hier aus gelange man schnell zur Uneinigkeit der Siegermächte, die zudem nur ungleich am Vertragsentwurf beteiligt wurden. Die britische Zurückhaltung etwa sei auf die Rückkehr zum Gedanken der balance of power zurückzuführen; Clemenceau habe zurückstecken müssen. Italien sei vielfach gar nicht gehört worden, die USA hätten den Vertrag nie ratifiziert. Die Symbolik der Verträge sei von ihrer Faktizität nicht zu trennen. Die Verhandlungen in den Pariser Vororten seien eine Hommage an Frankreich gewesen. Insbesondere Versailles habe noch einmal das Gesamt der französischen Identität in ihren verschiedenen historischen Ausprägungen aufgerufen. Auf der anderen Seite habe der Tisch, an dem die deutsche Delegation den Vertrag unterzeichnete, genau an der Stelle gestanden, an der 1871 die Kanzel des Hofpredigers gestanden hatte.

Auch die Wahrnehmung der Verträge sei innerhalb der Länder nie einheitlich gewesen. Das Zentrum etwa habe niemals eine revisionistische Außenpolitik betrieben; auf den Katholikentagen wurden Friedensgesten gepflegt. Für Ungarn waren die Gebietsverluste schwer zu ertragen; Italien sah sich um Dalmatien und Istrien betrogen, was zu Mussolinis schnellem Aufstieg beigetragen habe. Aber auch Frankreich war nach Versailles nicht mehr das Land, das es vor 1914 gewesen war. Bei aller fortbestehenden Angst vor der industriellen Übermacht Deutschlands entfaltete sich in Frankreich, das vom Krieg am stärksten betroffen gewesen war, schnell eine pazifistische Bewegung. Hierin zeigten sich die traumatischen Spätfolgen des Krieges für die Franzosen. Die Polen waren zwar äußerlich die Sieger von Versailles, da sie wieder einen eigenen Staat erhielten. Dennoch fühlten sie sich gedemütigt, da nur Frankreich sie darin unterstützt hatte. Erst unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde daher der 11. November Nationalfeiertag in Polen.

François schloss seinen Vortrag mit einigen Vorschlägen zur unterrichtspraktischen Umsetzung ab.

Rainer Bendick (Osnabrück) hatte für die Tagung eine Podiumsdiskussion zum deutsch-französischen Schulbuch organisiert. Dieses seit 2003 entstandene Unterrichtswerk hat in Niedersachsen bisher kaum Verbreitung erfahren und es ist bisweilen auch kritisiert worden. Dieser Befund ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass bilinguale deutsch-französische Züge in Niedersachsen kaum verbreitet sind. So gibt es im ganzen Land nur eine Schule, die einen Abi-Bac-Zweig anbietet, der gleichzeitig auf das deutsche Abitur und das französische baccalauréat vorbereitet. Die Beiträge des Podiums, das mit Lehrerinnen und Lehrern aus Frankreich, Polen und Deutschland besetzt war, zeigten deutlich auf, dass die Zeit großer nationaler Erzählungen trotz der bis heute unterschiedlichen Erinnerungskulturen vorbei ist. Auch der Geschichtsunterricht in Frankreich war trotz intakter positiver Besetzung des Gefallenengedenkens Wandlungen unterworfen. Doch an die Stelle des „roman national“, der den Weltkrieg als nationalen Ursprungsmythos fasste, auch und gerade, weil das Thema Kollaboration die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Frankreich viel komplizierter gestaltet, ist inzwischen auch eine stärker theoriebasierte Betrachtungsweise getreten. Opfergedenken trat an die Stelle der Heldenverehrung, das Leiden wird als beidseitiges dargestellt; der Blick wurde auch auf andere Schauplätze, z.B. den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich gerichtet. Seit Beginn des neuen Jahrtausends wurde zunehmend die soziale und ökonomische Dimension des Krieges erschlossen, die Quellenbasis erweitert. Zugleich verlor der Erste Weltkrieg vom Umfang her an Gewicht.

Deutlich wurde hier erneut, wie sehr die Erfahrung der französischen Nation von der Tatsache geprägt ist, dass sich das Hauptkriegsgeschehen mit Zerstörungen, Flucht und Vertreibung in Nordfrankreich abgespielt hat. Was für die Deutschen die abstrakte Vorstellung eines Abwehrkampfes im fremden Land war, während die Heimat intakt blieb, bedeutete für die Franzosen deren konkreten Verlust und Vernichtung. Die Unmittelbarkeit dieser Leidenserfahrung bewirkte die weite Verbreitung der pazifistischen Bewegung des „Plus jamais la guerre!“.

Die polnische Darstellung des Ersten Weltkrieges weist einen leicht erhöhten Anteil an Militärgeschichte auf, besitzt aber keine klare Tendenz in Richtung auf Urkatastrophe oder Befreiungskrieg und legt sich auch in der Schuldfrage nicht fest. Trotz der Genese des polnischen Staates optiert sie in der Nationalfrage nicht klar, da diese während des Krieges gespalten war und teils pro-österreichisch, teils pro-russisch, allerdings kaum pro-deutsch optierte.

Wo insofern kaum inhaltliche Konflikte bei der Schulbuchproduktion vorhanden waren, traten die Unterschiede zwischen französischer und deutscher Unterrichtskultur umso stärker zutage. Der deutsche Geschichtsunterricht, pointierte wiederum Peter Geiss, „neigt zu einer maßlosen Überschätzung der Urteilsfähigkeit“. Damit schlug der Bonner Didaktiker die Brücke zum französischen, eher auf Wissensvermittlung ausgerichteten Verständnis, für das im deutsch-französischen Geschichtsbuch ein Kompromiss von der Art gefunden wurde, dass Franzosen es für ein deutsches, Deutsche hingegen für ein französisches Geschichtsbuch halten. Der „deutsch-französische Mehrwert“ des Buchs besteht mithin in der inhaltlichen wie der methodischen Ausrichtung des Buchs: es bedient gleichzeitig zwei nationale Perspektiven und offenbart damit deren Relativität.

Bendick, Experte in deutsch-französischen Fragen des Geschichtsunterrichts, griff diesen Gedanken in seinem Vortrag am zweiten Tag wieder auf, der die Chancen eines transnationalen Geschichtsunterrichts in Augenschein nahm. Bereits 1928 hatte Marc Bloch eine vergleichende Gesellschaftsbetrachtung gefordert und damit die Grundlage für komparative Ansätze der Geschichtswissenschaft gelegt, damit die Nation als das Eigene, Gewohnte nicht zum alleinigen Maßstab historischer Betrachtungen werde. In der Wissenschaft sei das heute längst Normalität, nicht hingegen in der Geschichtsdidaktik, die anstelle nationaler Bezüge sogar zunehmend regionale fördere. Bleibe es dabei, so werde hier das fortgesetzt, was Bloch einen „Dialog unter Schwerhörigen“ nannte.

Von hier aus kam Bendick auf die Favorisierung des historischen Urteils im deutschen Geschichtsunterricht zu sprechen. Für die Franzosen seien das „questions peu sérieuses“ – und Bendick erläuterte im Folgenden, warum er diesem Urteil, wenn nicht generell, so zumindest unter den herrschenden, national-dominierten, in Deutschland durch den Föderalismus zusätzlich partikularisierten Lehrplänen folgte. Wenn in Deutschland vom Ersten Weltkrieg die Rede sei, dann sollten die Schülerinnen und Schüler die mobilisierende und manipulierende Kraft der Nationalgefühle erkennen. Der Krieg werde dekontextualisiert, es folge eine Warnung vor Krieg schlechthin, was auch die Landesverteidigung einschließe. Die Soldaten würden als verblendet, keinesfalls als Vorbilder dargestellt. Die Distanzierung von der Nationalgeschichte insgesamt sei Teil des Denk- und Reflexionsfaches Geschichte in Deutschland.

Für Bendick ist dieser gewiss emanzipatorische Ansatz nur die moderne Variante dessen, wogegen sich Marc Bloch wandte, verbleibe er doch faktisch auf der nationalstaatlichen Ebene. Für andere Gesellschaften präsentiere sich die Situation des Ersten Weltkrieges ganz anders. Zwangsläufig müsse ein so ausgebildeter Schüler über die französische Art, des Ersten Weltkrieges und seiner Teilnehmer ungleich positiver und unkritischer zu gedenken, irritiert sein. Er gelange zu dramatischen Kurzschlüssen; es würden Abgründe hervorgerufen, die überwunden werden müssten. Dies zumal in Niedersachsen, wo der Geschichts- und Erinnerungskultur so viel Gewicht beigemessen werde, stattdessen aber Feiertage wie der 27. Januar in Deutschland und der 12. Oktober in Spanien zu vergleichen seien, die keinerlei inneren Zusammenhang aufwiesen.

Daher plädierte Bendick für einen transnationalen Ansatz als Alternative zur Dominanz einer national denkenden Geschichtsschreibung. Dieser sei umso notwendiger, als die zunehmende Mobilität die Menschen in unterschiedliche Kulturen führe. Anschaulich begründete er seine Thesen mit vergleichenden Fallbeispielen aus der Geschichte des Ersten Weltkrieges. Die Rolle der Zivilisten etwa wurde in Frankreich ganz anders bewertet als in Deutschland; auch Ausdrucksformen der Trauer seien gut zu vergleichen. Die jeweiligen Zukunftsentwürfe verrieten die jeweiligen mentalen Dispositionen der kriegführenden Kulturen. Es komme zu unterschiedlichen Gegenwarts- und Zukunftsentwürfen auf der Basis der gleichen Wirklichkeit. Der deutsche Revisionismus lasse sich damit ebenso erklären wie der französische Pazifismus nach Kriegsende. In Deutschland werde zu wenig herausgestellt, dass der Erste Weltkrieg in der ganzen Welt stattfand, nicht aber auf deutschem Boden.

Ohne Wissen sei all dies nicht zu erreichen. Die Schülerinnen und Schüler müssten daher zunächst über ein solides Faktengerüst verfügen, für dessen Vermittlung die Geschichtslehrer spezialisiert seien. Anschließend müsse die Relativität nationaler Sichtweisen in einer mindestens binationalen Reflexion erfolgten, denn in mononationalen Zusammenhängen sei sie nicht möglich.

Zwei abschließende Workshops, ausgerichtet vom Volksbund und vom Ehepaar Stupperich, gaben unterrichtspraktische Hinweise für die Behandlung des Themas Erster Weltkrieg im Unterricht und hielten dafür Materialien bereit.

Insgesamt beeindruckte die (voll ausgebuchte) Tagung durch die gute inhaltliche Vernetzung der Beiträge, was dazu beitrug, dass den Teilnehmern wichtige Entwicklungen in Geschichtswissenschaft und -didaktik gleich mehrfach und damit in erfreulicher Kohärenz nähergebracht wurden. Wer es wollte, konnte insofern mit einem Bündel an neuen Ideen und Ratschlägen ins Wochenende fahren. Dazu trug nicht zuletzt die Diskutierfreude der Referenten bei, die es sichtlich genossen, einem großenteils aus Lehrerinnen und Lehrern bestehenden Publikum zu begegnen. In jedem Fall haben die Organisatoren der Tagung dem Land Niedersachsen einen großen Dienst erwiesen, denn dank dieser gelungenen Tagung steht es erinnerungskulturell nicht mehr mit leeren Händen da, wenn spätestens im August gefragt werden wird, welches sein Beitrag zu einem angemessenen Gedenken an den Kriegsausbruch war.

Johannes Heinßen

 

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