Startseite | HOMESitemap, SucheKontakt, eMail
Praxis Geschichte
Praxis Politik
Deutsch Unterricht
Praxis Englisch
 

2012.01: Rundbrief Febr. 2012

Rundbrief Februar 2012

 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

hoffentlich haben Sie den Start in das zweite Halbjahr gut hinter sich gebracht! Immerhin war in diesem Monat die Beobachtung der Berliner politischen Szene recht unterhaltsam, auch wenn man sich gelegentlich etwas weniger an Unterhaltsamkeit wünscht. So kam der vor eineinhalb Jahren unterlegene Präsidentschaftskandidat Gauck überraschend zu einer zweiten Chance. Dass es sich bei Gauck um eine bemerkenswerte Persönlichkeit handelt, konnten wir im Niedersächsischen Geschichtslehrerverband schon vor ein paar Jahren erleben, denn Joachim Gauck referierte auf einer NGLV-Tagung in Helmstedt, wo wir anlässlich der Helmstedter Universitätstage 2007 zusammen gekommen waren. Gauck referierte fast eine Stunde lang weitgehend frei und ließ es sich nicht verdrießen, dass das Publikum des Niedersächsischen Geschichtslehrerverbandes kaum 30 Personen umfasste. Auch draußen auf der Straße, als er längst abfahren wollte, ging die lebhafte Diskussion mit den Kollegen noch weiter.

                                  

Kurz vor Weihnachten hatten Sie bereits alle die Einladungen zur Tagung „Das Thema Völkermord im Unterricht“ bekommen.  Diese Tagung ist jetzt in Hannover zu Ende gegangen und war mit über 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut besucht. Der NGLV war Mitveranstalter dieser Tagung, die außerdem von der Deutschen Vereinigung für politische Bildung, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräber fürsorge und dem Niedersächsischen Kultusministerium getragen wurde. Wie wichtig das MK, das auch Hauptgeldgeber war, diese Tagung nahm, zeigte sich daran, dass Herr Althusmann als Kultusminister die Eröffnungsrede hielt. Fast die Hälfte seiner Ausführungen bezog sich auf die Bekräftigung der Tatsache, dass wir in Deutschland einen offenen Diskurs führen und dass wir nicht bereit seien, uns von türkischen Agitationsgruppen deren Meinungen aufzwingen zu lassen. In den Wochen zuvor hatten solche Gruppierungen, insbesondere die kemalistischen Nationalisten, das Ministerium bedrängt, es dürfe in den Schulen nicht über den Völkermord an den Armeniern gesprochen werden, denn diesen habe es nie gegeben. In diesem Punkt waren die Referenten und  die Versammlung der Kolleginnen und Kollegen eindeutig anderer Auffassung, denn wissenschaftlich ist die Tatsache des Völkermords aufgrund der erdrückenden Quellenbefunde, insbesondere des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes, eindeutig geklärt und wird von ernstzunehmenden Historikern international nicht in Frage gestellt. Daher verlegen sich die türkischen Politgruppen auf das Deklamieren.

So kam es dazu, dass vor allem am zweiten Tag (Freitag, 24. Februar) türkische Demonstranten mit Plakaten vor dem Tagungshaus erschienen und dann auch in den Saal drängten. Nach dem Vortrag von Prof. Miran Dabag, der selbst Armenier ist und dem man die Erregung anmerkte, versuchten die Türken die Tagung umzufunktionieren, wurden aber mit vereinten Kräften daran gehindert, zumal dann auch der Staatsschutz und einzelne Uniformierte in den Saal kamen, um einzugreifen. Angesichts des Mannschaftswagens, der vorgefahren war, blieb man friedlich und verließ schließlich den Raum, bis auf einen türkischen Teilnehmer, der ordnungsgemäß angemeldet war.

Vortrag und Workshop zum Thema Völkermord an den Armeniern 1915/16 ergänzten sich. Insbesondere im Workshop wurde der Vorschlag unterbreitet, das Thema Genozid an den Armeniern in deutsch-türkisch gemischten Klassen so zu unterrichten, dass von Anfang an deutlich ist, dass Deutsche und Türken in dieser Frage in einem Boot sitzen, denn hier hat keine Seite der anderen etwas vorzuhalten. Die Deutschen, die zu zwei Dritteln die Führungsstellen in der türkischen Armee während des ersten Weltkriegs bekleideten, ließen einen Völkermord, der sich unter ihren Augen ereignete, geschehen, was von höchster politischer Stelle des Kaiserreichs (u.a. Bethmann Hollweg) auch verlangt wurde. Auch Hitler nahm an diesem Völkermord, der über Jahrzehnte mit dem Mantel des Schweigens bedeckt wurde, Maß. Er ließ ihm die Judenvernichtung als reale Option erscheinen. Somit ist der Völkermord an den Armeniern auch ein Teil der deutschen Geschichte, über dessen Dimensionen wir uns bislang zumeist keine Vorstellung gemacht haben. Gerade deshalb aber ist es nicht hinnehmbar, dass türkische Stellen wie vor einiger Zeit im Land Brandenburg auf unsere Lehrpläne und Unterrichtsarbeit Einfluss zu nehmen versuchen.

Insgesamt war es aber eine gute und lohnende Tagung, an der viele Geschichtslehrer/innen vor allem aus der weiteren Region um Hannover, aber auch aus der Gegend um Göttingen, dem Weserraum und der Heide  teilgenommen haben.

 

Der NGLV beabsichtigt demnächst eine Umfrageaktion unter den Kolleginnen und Kollegen zu starten, die mit ihrem Geschichtskurs am ersten Durchlauf zum Zentralabitur auf der Basis des neuen Kerncurriculums für die Oberstufe beteiligt sind. Eine erste Zusammenkunft der damit befassten Arbeitsgruppe soll im April stattfinden. An der Mitarbeit interessierte Verbandsmitglieder sind hiermit aufgefordert, sich beim Vorstand zu melden

.

Am 30. Mai findet dann unsere jährliche Frühjahrstagung statt. Für diese Tagung wählt der Verband traditionell einen Ort außerhalb Hannovers in einem anderen Teil Niedersachsens. Waren wir im letzten Jahr in Lüneburg, so treffen wir uns 2012 in  Delmenhorst. Tagungsort ist die „Nordwolle Delmenhorst - Nordwestdeutsches Museum für Industriekultur“. Es handelt sich um eins der größten Industriemuseen und Industriedenkmale Europas. Ursprünglich war es die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei Delmenhorst. In diesem Museumskomplex gibt es heute Tagungsräume und Personal für Museumsführungen und Vorträge. Die Frühjahrstagung in diesen Räumlichkeiten verbindet Vorträge zu generell wichtigen Inhalten des Geschichtsunterrichts mit konkreten industriegeschichtlichen Inhalten, die am Beispiel der Nordwolle in vier Workshops erschlossen werden sollen.

 

Folgendes Programm sieht die Verbandsleitung für den 30. Mai bislang vor:

 

Vormittag:

Prof. Dr. Uwe Walter (Bielefeld): Krise(n) der Römischen Republik seit dem 2. Jahrhundert vor Christus

Prof. Dr. Dietmar von Reeken (Oldenburg): Lernen im Museum

 

Nachmittag: vier Workshops

  1. Die Industrialisierung und die Nordwolle (bezogen auf den Mittelstufenunterricht), Leitung: Fachkraft des Nordwolle-Museums
  2. Die Weltwirtschaftskrise und die Nordwolle (bezogen auf die Oberstufe; Anbindung an KCII, z.B. Rahmenthema 1, Wahlmodul 6 (regionale Vertiefung zur Weltwirtschaftskrise), Leitung Herta Hoffmann und Hans-Joachim Müller
  3. 100 Jahre Migration und die Nordwolle (bezogen auf die Oberstufe; Anbindung an KCII, z.B. RT 2, WM 6 (Urbanisierung), Leitung: Hans-Hermann Precht, Museumsleiter (Schwerpunkt: Gastarbeiter seit den Fünfzigerjahren)
  4. Die Nordwolle in den Arbeitskämpfen und sozialen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts, Leitung: NN

 

Details zu diesem Programm (z.B. Uhrzeiten) werden noch festgelegt. Die Schulen bekommen rechtzeitig eine Einladung mit genauem Programm. Es bietet sich aber an, die Kolleginnen und Kollegen schon jetzt auf die Frühjahrstagung hinzuweisen.

 

 

Der Historikertag 2012 findet vom 24. bis zum 28. September in Mainz, die Anmeldung im Zeitraum vom 15. April bis zum 14. August statt. Danach wird eine Nachgebühr von 25 € erhoben. Der Tagungsbeitrag beläuft sich für Mitglieder des NGLV und Referendare auf 50 €, für Nichtmitglieder auf 140 €. Ein Tagesticket kostet für Mitglieder des NGLV 25 €, für Nichtmitglieder 50 €. Die Anmeldung kann nur online erfolgen. Für die Anmeldung als Verbandsmitglied ist ein Mitgliedsausweis erforderlich, den Sie in der Anlage zu diesem Rundbrief erhalten. Es handelt sich um ein Formular mit Unterschrift des Vorsitzenden, in das Sie ihre persönlichen Daten selbst eintippen, bevor Sie es - am besten als PDF-Datei – zusammen mit Ihrer Anmeldung an das Mainzer Tagungsbüro weitersenden.

Den Eröffnungsvortrag im Kurfürstlichen Schloss hält der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle. Danach findet ein Empfang statt. Für die Eröffnungsveranstaltung ist eine Anmeldung erforderlich. Die Delegiertenkonferenz des Bundesverbandes ist auf zwei Termine am Dienstag und am Donnerstag aufgeteilt. Die Sektionen des Verbandes sind auf Mittwoch gelegt worden, eine einzelne auch am Freitag. Für den Mittwochabend hat Prof. Wolf (Tübingen) eine Veranstaltung zur Lehrerausbildung in Deutschland und eine Fachleiterversammlung, die als bundesweite Fachleiterinitiative gedacht ist, vorbereitet.

Die Delegiertenversammlung ist zugleich Wahlversammlung. Der bisherige Bundesvorsitzende kandidiert nicht erneut. Um den Vorsitz wird sich der Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern bewerben. Auch die übrigen Vorstandsposten werden neu besetzt. Grundsätzlich ist die Kandidatur frei, auch wenn einzelne aus dem bisherigen Vorstand ihr Interesse an einer erneuten Kandidatur geäußert haben. Auch für die Redaktion der Verbandszeitschrift „Geschichte für heute“ werden Kandidaten gesucht.

 

Der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) feiert im kommenden Jahr sein einhundertjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass soll in Marburg, wo der Verband 1913 gegründet wurde, eine Festveranstaltung stattfinden. Prof. Conze soll für den Festvortrag gewonnen werden. Der Hessische Geschichtslehrerverband hat die organisatorische Vorbereitung der Jubiläumstagung übernommen. Ein Doktorand hat die Verbandsgeschichte als Dissertation erarbeitet. Diese soll an Stelle einer Festschrift angeboten werden.

 

Während der Hauptvorstandssitzung des Bundesverbandes vom 27. – 29. Januar in Würzburg referierten die Vorsitzenden der Landesverbände über die Situation in ihren Bundesländern. Dabei wurde deutlich, dass die Situation des Geschichtsunterrichts in vielen Bundesländern schlechter ist als in Niedersachsen. Das Kerncurriculum für die Sek. II ist in den meisten Bundesländern noch nicht entwickelt. Niedersachsen ist hier einsam vorgeprescht. Der Geschichtsunterricht in der Mittelstufe ist in immer mehr Bundesländern in ein gesellschaftswissenschaftliches Integrationsfach eingefügt, das im Zusammenhang mit der neuen integrierten Schulform eingeführt wurde, die in jedem Bundesland anders genannt wird, in Niedersachsen „Oberschule“, in Berlin „ISS“, im Saarland „Gemeinschaftsschule“. Diesen Namen führt auch Schleswig-Holstein ein für die  nach Abschaffung von Realschule, Gesamtschule und Hauptschule geschaffene neue Schulform, die dann „Welt und Umweltkunde“ (WUK) statt Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde unterrichtet. Das Fach Geschichte gibt es in Schleswig-Holstein  nur noch am Gymnasium. In Baden-Württemberg hat sich der Geschichtslehrerverband erfolgreich gegen das Integrationsfach in der Gemeinschaftsschule durchgesetzt. Hier bleibt das Fach Geschichte erhalten. Dennoch ist klar ersichtlich, dass die Kultusverwaltungen der Bundesländer die Chance erkannt haben, an den Fächern des Aufgabenfeldes B in der Mittelstufe der Sek.I-Schulen zu sparen. Aus sechs Wochenstunden für Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde werden drei Wochenstunden Gesellschaftslehre. Auch da, wo bislang noch alles beim Alten ist, wird der Zug, der in diese Richtung fährt, bereits vorgeheizt. Was in Baden-Württemberg gelungen ist, sollte demnächst auch in Niedersachsen gelingen können. Warum soll das, was im Bereich der sog. Gemeinschaftsschule oder Oberschule gelingt, nicht mittelfristig auch im Gymnasium gelingen? Versuche der Kultusverwaltungen ein solches Sparmodell einzuführen dürften nicht von vornherein unwahrscheinlich sein.

 

Abschließend noch zwei Kurzinformationen:
1. Das Amtsgericht Hannover hat den Antrag auf Satzungsänderung  (zwei stellvertretende Vorsitzende des NGLV) genehmigt.
2. Die Henning von Burgsdorff Stiftung hat die Ausschreibung der neuen Bewerbungsrunde um den Preis der Burgsdorffstiftung 2012 an die Schulen versandt.

 

Eine erfolgreiche Arbeit und gutes Durchhalten bis zur Osterpause wünschen Ihnen

mit vielen Grüßen aus Hannover, Oldenburg und Stade

 

 

Dr. Martin Stupperich        Dr. Hans-Joachim Müller          Dr. Johannes Heinßen

1. Vorsitzender                     stellv. Vorsitzender                      stellv. Vorsitzender

   
  
   
  
   
  
   
 

.:: Impressum | Disclaimer | Webmaster | Zuletzt aktualisiert am 22.04.2012 ::.