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2010.04: Rundbrief Dezember 2010

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,


inzwischen ist – sehr früh im Jahr – der tiefe Winter über uns gekommen und erinnert mit Schnee und Kälte an das bevorstehende Weihnachtsfest und den Jahreswechsel. Wir wünschen Ihnen viel Kraft bei der Bewältigung des jetzt meist anstehenden Klassenarbeitsmarathons und danach eine möglichst stressfreie und ruhige restliche Advents- und Weihnachtszeit und bald darauf einen guten Start in das neue Jahr 2011.


Der verbandliche Höhepunkt des abgelaufenen Jahres war der Tag des Geschichtslehrers am 3. November 2010 im Historischen Museum in Hannover.

Der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Kaufmann aus Göttingen über das Thema „Europa an der Schwelle zur Neuzeit“ (Prof. Kaufmann hat uns freundlicherweise den Vortragstext zur Verfügung gestellt.) entsprechend dem Thematischen Schwerpunkt für das Abitur 2012 war fachlich exzellent und bezog sich sehr direkt auf die Vorgaben des Ministeriums für das Zentralabitur. Er enthielt allerdings in zentralen Punkten wenig schmeichelhafte Kommentare zu den ministeriellen Vorgaben. Die Kritik bezog sich auf drei Punkte:

  1. Das implizite Epochenverständnis, das offenbar davon ausgehe, dass sich um 1500 ein Aufbruch und Umbruch vollziehe, mit dem die auf die Moderne zulaufende Neuzeit beginne. Dieses früher vorherrschende Epochenbild sei durch die neuere Forschung geändert worden. Danach bilde die Frühe Neuzeit eine Zwischenepoche eigener Art ohne ein immanentes Entwicklungsgesetz in Richtung auf Aufklärung und Moderne.

  2. Der zweite Kritikpunkt war die unzulässig beschränkte Themenpalette, die sich aus dem o.a. Epochenverständnis ergibt: Die in dieser Epoche der Frühen Neuzeit tatsächlich überwältigende Rolle der Religion in allen Lebensbereichen werde gleichsam als Relikt einer überwundenen Zeit behandelt. Das gesamteuropäische gesellschaftsprägende Phänomen der Reformation werde mit keinem Wort erwähnt.

  3. Konsequent ergebe sich somit ein vom Vortragenden so bezeichnetes implizites Meisternarrativ: Die modernisierungstheoretische Generalperspektive der ministeriellen Vorgabe wurzele in einem bestimmten Renaissancebild, das angeblich ein Menschenbild hervorgebracht habe, das, wenn es schon nicht mit dem Menschenbild der Aufklärung identisch sei, so doch mit Macht und unaufhaltsam auf dieses zulaufe. Dies widerspreche allerdings dem historischen Befund in eklatanter Weise.


In der anschließenden Debatte ging es u.a. um die Frage, wie mit dem Gehörten denn nun im Unterricht umgegangen werden solle. Eben dies hatten manche Zuhörer im Vortrag vermisst. Es wurde deutlich, dass schulischer Unterricht sich nicht über einen wissenschaftlichen Forschungsstand hinwegsetzen kann. Dennoch sahen manche Kolleginnen und Kollegen ein Problem darin, vom vorgegebenen Thematischen Schwerpunkt abzuweichen. Es wurde vorgeschlagen, einen Teil der Unterrichtszeit für Ergänzungen zu verwenden, die im Vortrag angemahnt worden waren. Da auch dies möglicherweise schwer fällt, hat sich der Niedersächsische Geschichtslehrerverband bereit erklärt, demnächst Handreichungen zu erarbeiten, die rechtzeitig für den Unterricht zur Verfügung stehen sollen.


Der Vortrag von Werner Heil, Fachleiter in Stuttgart, befasste sich mit dem kompetenzorientierten Geschichtsunterricht. Es war der Versuch eine Klärung der Unübersichtlichkeit auf dem Feld der Kompetenzmodelle herzustellen und zugleich den Praxisbezug in den Vordergrund zu stellen. Heil stellte zunächst das Kompetenzmodell der sog. FUER-Gruppe (steht als Name eines Forschungsprojekts für „Förderung und Entwicklung von reflektiertem und selbstreflektiertem Geschichtsbewusstsein“), das Kompetenzmodell von Pandel, das entsprechende Modell von Gautschi und die Kompetenzmodelle des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands und sein eigenes Kompetenzmodell nebeneinander. Im Vergleich kam er zu dem Schluss, dass lediglich zwei dieser Modelle bislang die Praxisebene erreicht hätten, nämlich das des Geschichtslehrerverbandes und das von ihm selbst entworfene. Vor einem Publikum von Praktikern wollte er sich deshalb auf diese beiden Modelle konzentrieren. Am Modell des Geschichtslehrerverbandes kritisierte Heil, dass die Kompetenzorientierung eher einer Lernzielorientierung entspreche. Auch sei das Geschichtsverständnis, das dem Modell zugrunde liege, nicht ausgewiesen. Die Deutungs- und Reflexionskompetenz sei eine Addition unterschiedlicher Kompetenzen ohne übergreifende Struktur.

In Heils eigenem Konzept liegt die Kompetenzorientierung in der Verfügung über ein typologisches Wissen, das auf dem Konstruktionsgedanken als Basis des Geschichtsverständnisses beruht. Unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen erlauben eine elementare Gliederung des Geschichtsablaufs. So gelangt Heil zu einem Strukturgitter aus Gegenstandsbereichen der Geschichte, die er Domänen nennt. Für ihn zählen als Domänen der Geschichte: Herrschaft, Recht, Gesellschaft, Wirtschaft, Krieg, Selbstverständnis, Religion, Wissenschaft, Wirklichkeit. Verbunden mit Unterdomänen entsteht so eine Übersicht in Tabellenform, die er der Zuhörerschaft vorstellte und die von mehreren Kolleginnen und Kollegen in der Diskussion als hilfreich eingestuft wurde. Andere verwiesen auf die Gefahr, die darin liege, dass ein solches Strukturgitter fälschlicherweise mit der Geschichte selbst verwechselt werden könne. Dagegen habe Heil sein Konzept zu wenig abgesichert. Eine ausreichende Diskussion über den Kern des Konzepts war aus zeitlichen Gründen nicht möglich und müsste an anderer Stelle geführt werden.


Der Nachmittag begann mit der Preisverleihung der Henning von Burgsdorff Stiftung an Lehrer, die in diesem Jahr mit besonderen Arbeiten, Unterrichtseinheiten oder Projekten hervorgetreten waren und sich um diesen Preis beworben hatten. Es waren auch diesmal sehr beachtliche Arbeiten und Projektergebnisse eingereicht worden. Die Jury stand wie so oft vor der schwierigen Frage, wer nun vor anderen durch einen Geldpreis besonders ausgezeichnet werden sollte und die Vorsitzende der Stiftung hatte die stets etwas heikle Aufgabe, den Unterlegenen die Entscheidung der Jury verständlich zu machen. Diese Aufgabe fiel Frau OStD i.R. Brigitte Netzel, der früheren Vorsitzenden des Niedersächsischen Geschichtslehrerverbandes, in diesem Jahr letztmalig zu, denn das Stiftungskuratorium wählte zu ihrem Nachfolger im Amt des Vorsitzenden des Kuratoriums den augenblicklichen Vorsitzenden des NGLV. Dieser hielt am Schluss der Preisverleihung eine Dankesrede verbunden mit einer Laudatio auf die scheidende Stiftungsvorsitzende, die durch regelmäßige Finanzunterstützung des Verbandes erheblich zu dessen Arbeitsfähigkeit in den vergangenen Jahren beigetragen hatte. Wie schon in den ersten Jahren des Bestehens der Burgsdorff Stiftung befindet sich somit der Verbandsvorsitz und der Stiftungsvorsitz wieder in einer Hand.


Den Hauptteil des Tagungsnachmittags bestritt anschließend der Kollege Christian Werner aus Braunschweig, der die Zuhörer in das anstehende ZA-Thema Wirtschafts- und Sozialgeschichte der USA (Der Kollege Werner hat uns seine Unterlagen zur Verfügung gestellt.) einführte. Sein Referat, das immer wieder durch Diskussionen unterbrochen wurde, die das unmittelbare und praxisbezogene Interesse der Kolleginnen und Kollegen belegten, war eine auf die Kursgestaltung bezogene didaktische Einführung in den Sachzusammenhang mit konkreten Empfehlungen für den Materialeinsatz und den inneren Aufbau eines Oberstufenkurses zum Thema. Die von ihm ausgelegten Materialvorschläge fanden reißenden Absatz. In ähnlicher Weise müsste auch für andere Zentralabiturthemen vorgearbeitet werden.

Leider fand das parallel stattfindende Referat der Kollegin Annette Puckhaber aus Buxtehude über Modalitäten und Empfehlungen für eine Wettbewerbsteilnahme am Preis des Bundespräsidenten der Körberstiftung nicht annähernd so viele Zuhörer. Der klein gebliebene Teilnehmerkreis wurde aber sachkundig informiert und war vermutlich auch direkt an einer Wettbewerbsteilnahme interessiert.


Der Vorstand des NGLV hat als Konsequenz aus den Erfahrungen mit der Gestaltung des Kerncurriculum-Entwurfs nunmehr den Schluss gezogen, konstruktiv gegen die augenblicklich noch vorherrschende Orientierungslosigkeit in der Geschichtslehrerschaft vorzugehen und zu den neu erscheinenden Hinweisen zum Zentralabitur jeweils eigene Handreichungen auszuarbeiten, die dann auf Fortbildungen vorgestellt und diskutiert werden können und anschließend den jeweils im Abiturjahrgang eingesetzten Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung gestellt werden können. Die Arbeit daran soll im neuen Jahr beginnen.


Im Rahmen der diesjährigen Mitgliederversammlung, die zugleich stets die Jahreshauptversammlung des NGLV darstellt, wurde der Kollege Werner Zihn als Schatzmeister verabschiedet. In einer Laudatio würdigte der Vorsitzende des NGLV die bisherige Tätigkeit und die Verdienste des scheidenden Schatzmeisters für die Sanierung der finanziellen Basis des Verbandes. Auf der Grundlage seines mehrjährigen Engagements, das bereits die zweite Amtsphase als Schatzmeister darstellte, konnte Herr Zihn erreichen, dass der Verband über eine genauestens aktualisierte Mitgliederliste und einen nennenswerten Überschuss, mit dem er in das neue Geschäftsjahr startet, verfügt. Damit ist der NGLV nunmehr weitaus bewegungs- und einsatzfähiger als er es noch vor nicht zu langer Zeit gewesen war.


Für das Ziel der finanziellen Sanierung mussten allerdings bisweilen fühlbare Einschnitte vorgenommen werden. Mitglieder, die nicht am Abbuchungsverfahren teilnahmen, wurden nach zwei erfolglosen Mahnungen aus der Mitgliederliste gestrichen. Da ich immer wieder von (ehemaligen) Mitgliedern gefragt wurde, weshalb sie keine Zuschriften und keine Zeitschrift mehr bekämen, teile ich dieses Verfahren an dieser Stelle mit und empfehle dringend am Einzugsverfahren teilzunehmen, das im Übrigen von der überwältigenden Mehrheit der Mitglieder akzeptiert wird.


Zur neuen Schatzmeisterin wurde Frau Juliane Raffel, Studienrätin am Gymnasium Leibnizschule Hannover, gewählt. Außerdem wurde Herr Dr. Plath (wieder) zum Regionalbeauftragten für Lüneburg gewählt.


Herr Dr. Plath erbot sich, die Frühjahrstagung des NGLV in diesem Jahr wieder einmal in Lüneburg auszurichten. Dieser Vorschlag wurde von der Mitgliederversammlung mit Dank angenommen und sogleich auch terminlich festgelegt. Die Frühjahrstagung findet danach am 17. Mai 2011 statt. Diesen Termin können Sie vorsorglich bereits buchen. Das Programm wird noch genauer ausgearbeitet. Es wurde aber bereits im Groben festgelegt, dass es sowohl um das Thema Hanse gehen soll als auch um das Thema Stadt im Mittelalter, somit also die Mittelstufe wieder stärker in den Fokus rücken soll. Dennoch wurde angeregt, im Nachmittagsprogramm einen Arbeitskreis auch für die anstehenden aktuellen Oberstufenthemen zu reservieren.


Vorerst aber wünschen wir Ihnen und uns, dass uns der Winter im weiteren Dezember, aber auch im Januar und Februar nicht ganz so hart wie im letzten Jahr im Griff hält.


Vor allem aber wünschen wir noch einmal alles Gute zum Weihnachtsfest und zum kommenden Jahreswechsel und grüßen vielmals



Dr. Martin Stupperich 1. Vorsitzender NGLV

Dr. Wieland Sachse 2. Vorsitzender NGLV








 

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