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Fortbildung Deutsch-deutsche Geschichte 28.9.-1.10.2007, Helmstedt, Bericht

Helmstedter Universitätstage
und
Geschichtslehrertagung zur deutsch-deutschen Geschichte

 

28. September bis 1. Oktober 2007

 

 

Tagungsbericht

 

 

Es war ein Versuch, und der Versuch ist geglückt, nämlich die Kombination der Helmstedter Universitätstage unter dem Titel ?Umstrittene Erinnerung? und einer Tagung des Geschichtslehrerverbandes für Lehrerinnen und Lehrer.

 

Es war möglich, sowohl alle vier Tage dieser Kombinationstagung zu buchen als auch einzelne Phasen. Daher ergab es sich, dass an den ersten drei Tagen zwischen 20 und 35 Teilnehmer anwesend waren, eine Zahl die sich am vierten Tag auf über 60 Teilnehmer steigerte.

 

Dieser Bericht konzentriert sich auf die Darstellung der Geschichtslehrertagung am Sonntag und Montag in den Tagungsräumen des ?Best Western Hotels?, in dem viele Teilnehmer auch übernachteten.

 

Dr. Martin Stupperich, der Vorsitzende des Niedersächsischen Landesverbandes, begrüßte die Teilnehmer und führte das Interesse an der Thematik auf das neue Kerncurriculum Geschichte zurück, in dem die deutsch-deutsche Geschichte seit 1945 eine herausgehobene Bedeutung habe.

 

Anschließend sprach Oliver Igel von der Stiftung Aufarbeitung über Angebote zur schulischen und außerschulischen Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur. Er wies auf die aktuelle Gefahr einer Verzerrung der Vermittlung der DDR-Geschichte durch ausschließlich positive Darstellung hin. Es sei wichtig hier Klarheit zu schaffen, denn schon heute können viele Schüler und Lehrer allenfalls 50% der gestellten Fragen zu irgendeinem Thema der deutsch-deutschen Geschichte zutreffend beantworten! Er stellte zahlreiche geeignete Materialien der Stiftung Aufarbeitung vor.  Freundlicherweise überließ uns Herr Igel sein Redemanuskript mit vielen Anregungen für den Unterricht für unsere Homepage.
Gebündelte Angebote für den Unterricht der Stiftung Aufarbeitung finden Sie auf der Homepage
 der Stiftung Aufarbeitung.

 

Am Nachmittag fand eine Grenzlandfahrt, organisiert von dem Projekts Grenzenlos, zu den Erinnerungsstätten an der ehemaligen innerdeutschen Grenze statt. Die Teilnehmer fuhren mit dem Bus zu den unterschiedlichen Orten (Stationen: Zonengrenzmuseum Helmstedt, Grenzanlagen Hötensleben mit Besteigung des Beobachtungsturms, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn), wo sie unter sehr sachkundiger Führung Einblicke in Einrichtungen erhielten, die die meisten Teilnehmer/innen als Grenzgänger von früher noch als bedrohliches Gegenüber erlebt hatten. Das Kennen Lernen der Innenseite dieser Grenzeinrichtungen und der in ihnen praktizierten, in Punkten sogar lächerlichen Praktiken der gezielten Einschüchterung hatte für viele etwas Bewegendes an sich.

 

Der Montagvormittag war dem Vortrag von Dr. Joachim Gauck (ehem. Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, Vors. des Vereins Gegen Vergessen ? für Demokratie e.V.) gewidmet. Er sprach über die Realitäten des Alltagslebens unter der Herrschaft der SED. Es ist das Markenzeichen von Joachim Gauck, völlig frei und sehr konkret zu sprechen und dabei in Situationen einzuführen, die das Leben und die Unausweichlichkeiten unter den Verhältnissen der Diktatur aufscheinen lassen.

So war seine Hauptfigur, die kleine Marie, ihre von der Mutter mit gemischten Gefühlen begleitete Begeisterung über das Mitmachen bei den Jungpionieren, dann bei den Thälmann-Pionieren und schließlich in der FDJ: Allmählich wächst sie hinein in die ?Zweisprachigkeit?, die offizielle Unterstützung aller Parteianliegen (z.B. beim Fahnenappell) einerseits und die Distanz zur Partei und Hinwendung zu einer Gegenkultur (z.B. Pausengespräche, Kleidung) auf der anderen Seite. Diese Zweisprachigkeit bezeichnete Gauck als ein Spaltungsphänomen. Eine Parallelerzählung über einen Jungen in der Diktatur ging in Teilen in die eigene Biographie oder die von Familienmitgliedern über. Berufliche Karriere war nur unter der Bedingung der Parteitreue und -mitgliedschaft möglich. Sonst war die Karriere frühzeitig beendet.

Gauck ging auf die noch immer bestehenden Probleme einer nachhaltigen Aufklärung über die SED-Diktatur ein. Es sei ein Erbe der 68er-Bewegung, dass man nicht antikommunistisch sprach. Es sei aber notwendig, eindeutig Position zu beziehen. Dazu gehöre Mut angesichts der politischen Sprachregelungen im Westen. Er bemühte dazu Kant: ?Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!? Anders als in der DDR, in der die Ohnmacht der Menschen organisiert wurde, gebe es in der Demokratie das Institut der Opposition. Die Jugend möge wertschätzend mit ihren demokratischen Möglichkeiten, z.B. schon in der Schule, umgehen.

 

Es war ein sehr eindrücklicher Vortrag, der viele Fragen provozierte, die noch immer gestellt wurden, als der Referent bereits dabei war, den Tagungsort zu verlassen. Um auch für Nicht-Teilnehmer/innen einen Eindruck von der Eindringlichkeit des Referats entstehen zu lassen, sei auf einen ähnlichen Vortrag hingewiesen, den Joachim Gauck 2005 in München (=>zur debatte Nr. 05/2005) u.d.T. ?Zwei Mentalitäten? Zur inneren Einheit der Deutschen? gehalten hat.

 

Es folgte der Beitrag von Dr. Axel Janowitz (Referent bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Berlin) über die DDR-Staatssicherheit im Unterricht. Es ging in diesem Referat um die Möglichkeiten, die die Bestände der Birthler-Behörde bieten. Dabei beeindruckte er mit schlichten Zahlen, z.B. dass 160 km Stasi-Akten verwaltet würden, von denen bislang 40 km verfilmt seien. Dass für die Erschließung dieser Bestände 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu viele sind, lässt sich nachvollziehen. Immerhin haben seit 1992 2,3 Millionen Menschen Akteneinsicht genommen. Diese Mitarbeiter erarbeiten in anderen Funktionen aber auch Materialien, die an die Schulen gegeben werden können. Eine Kontaktaufnahme lohnt sich.
Auch Herr Dr. Janowitz stellte uns sein Referat zur Verfügung, bittet aber ausdrücklich darum, den Skript-Charakter der Datei zu entschuldigen.

 

Die Tagung klang aus mit einem ausführlichen Thesenpapier von Dr. Peter Lautzas, dem Bundesvorsitzenden des Geschichtslehrerverbandes. Die Thesen bezogen sich auf die Ergebnisse der VGD-Arbeitsgemeinschaft zur deutsch-deutschen Geschichte.

 

Außerdem referierte Klaus Fieberg aus Leverkusen über neuere Medien zur deutsch-deutschen Geschichte. Mit einem Filmausschnitt zum Problem des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze, dessen Szenen am Ort der Gedenkstätte Hötensleben gedreht worden waren, wurde die Tagung abgerundet, denn diese Szenen führten an eine der Hauptstationen der Grenzland fahrt des Vortages zurück.

 

Wir sind dankbar für die Förderung der Tagung

durch Mittel der
Stiftung Aufarbeitung der SED Diktatur, Berlin, sowie des
Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V., Berlin.

   
 Herr Igel von der Stiftung Aufarbeitung 
 Herr Igel von der Stiftung Aufarbeitung 
   
 Grenzlandfahrt: Museum Helmstedt 
 Grenzlandfahrt: Museum Helmstedt 
   
 Grenzlandfahrt: Wachturm in Hötensleben 
 Grenzlandfahrt: Wachturm in Hötensleben 
   
 Grenzlandfahrt: Grenz-Baracken Marienborn 
 Grenzlandfahrt: Grenz-Baracken Marienborn 
   
 Dr. Gauck im Gespräch mit Dr. Stupperich 
 Dr. Gauck im Gespräch mit Dr. Stupperich 
   
 Blick in das Auditorium 
 Blick in das Auditorium 
   
 Dr. Janowitz von der Birthler-Behörde 
 Dr. Janowitz von der Birthler-Behörde 
   
 Dr. Lautzas, VGD-Bundesvorsitzender 
 Dr. Lautzas, VGD-Bundesvorsitzender 
   
 Herr Fieberg, Medienexperte des Verbandes 
 Herr Fieberg, Medienexperte des Verbandes 
   
 

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